Bayerische Staatsoper: Mit der 3D-Brille ins Jahr 2046

München - Die katalanische Truppe La Fura dels Baus ist bekannt für ihre spektakulären Inszenierungen. Einer ihrer Köpfe, Carlus Padrissa, debütiert nun mit Puccinis „Turandot“ an der Bayerischen Staatsoper - und lässt dafür 3D-Brillen im Publikum verteilen.

Unmittelbar nach dem Freitod der Sklavin Liù, wenn die Klage des Chores im Piano versickert, drehte sich der Dirigent um. „Hier endet das Werk des Meisters“, beschied Arturo Toscanini am 25. April 1926 dem Scala-Publikum. „Danach starb er.“ Keine weitere Musik, ergriffenes Schweigen: So unvollendet wie „Turandot“ blieb auch diese Uraufführung. Und genauso werden es nun auch Münchens Opernbesucher erleben: Regisseur Carlus Padrissa und Dirigent Zubin Mehta verzichten auf ein Finale.

Franco Alfano, ein Vertrauter Puccinis, besorgte seinerzeit die (etwas lärmende) Vollendung, mit der der Hit „Nessun dorma“ noch einmal aufgegriffen wird. Die jüngste Finalfassung stammt von Luciano Berio aus dem Jahre 2002. Padrissa arbeitete in München auf Wunsch Mehtas zunächst mit der Alfano-Version, inszenierte die letzten zehn Minuten - und ließ es dann sein. „Alle inklusive Intendant Nikolaus Bachler haben sich das angeschaut und gesagt: lieber die unvollendete Fassung“, sagt Padrissa. „Der einzige Grund, warum bislang ein Finale gespielt wurde, war, um den Wandel Turandots von der eiskalten Prinzessin zur Liebenden zu verdeutlichen.“ Musikalisch freilich gebe es „überhaupt keinen Grund“.

Padrissas „Turandot“ spielt in ferner Zukunft, im Jahre 2046, wenn China längst auch Europa dominiert. Eine Art Science-Fiction-Ansatz also. Aber deshalb nicht unglaubwürdig, wie Padrissa findet: „Europa wird von China gerettet, weil es seine Schulden nicht zahlen kann. Und so, wie Europa früher von den Amerikanern kontrolliert wurde, so wird es eben dann von den Chinesen kontrolliert.“

Wer sich in Turandot verliebt, geht bekanntlich ein Risiko ein: Drei Rätsel müssen gelöst werden. Klappt das nicht, bezahlt dies der Freier mit seinem Kopf. Für Padrissa ist die „kalte, wie eingefrorene Prinzessin das Gesicht dieses Systems“ - und ihre Prüfungsaufgabe so etwas wie ein grausames Fernsehquiz.

Vor allem für ihre spektakulären Szenerien inklusive akrobatischer Einlagen und ausgeklügelter Video-Sequenzen sind La Fura dels Baus um Carlus Padrissa bekannt. Wohl noch nie bekam das Opernpublikum kinoübliche 3D-Brillen verpasst, in München wird dies nun geschehen. Doch angefangen hat alles ganz anders. 1979 fand sich abseits des etablierten Theatersystems eine wilde Truppe zusammen, die neue Formen ausprobierte. Alles wurde in Frage gestellt und aufgebrochen. Das Publikum wurde miteinbezogen - und auch schon mal mit Blut oder Fleisch beworfen.

Später experimentierte man mit digitalen Elementen. Und die anfänglichen Schmuddelkinder Kataloniens wandelten sich zum etablierten Ensemble. 1992 gestaltete La Fura dels Baus die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Barcelona. Inzwischen ist man auf vielen großen Opernbühnen aktiv. Mit Zubin Mehta stemmte Carlus Padrissa zum Beispiel in Valencia Wagners „Ring“ und an der Scala den „Tannhäuser“. Man versteht sich also, trotz unterschiedlicher Theaterhaltungen: „Wir haben uns nie gestritten, weil er immer Recht hat“, sagt Padrissa. „Ich mache das, was Mehta sagt. Wenn er das lange Finale gewollt hätte, dann hätte er es bekommen.“

Dass die einstige Radikalität von La Fura dels Baus einer opulenten, „systemverträglichen“ Ästhetik gewichen ist, weiß Padrissa selbst. Um das Abenteuer, den Spaß am Leben und darum, Wut freizusetzen, ging es den Spaniern früher. Und nun? „Das Leben hat eben Stationen“, meint er. „Jetzt müssen wir akzeptieren, dass wir über 50 Jahre alt sind. Unsere Arbeit ist nicht mehr so körperlich wie früher, eher eine Gedankenarbeit.“

Dennoch haben die klassischen Repertoirehäuser mit den hochfliegenden Ideen der Katalanen weiterhin ihre Probleme. Auch die Bayerische Staatsoper. Es gab Krisensitzungen, Vereinfachungen. Und manches, was für den Chor zu kompliziert gewesen wäre, wird nun als Video gezeigt. Frustrierend ist das nicht unbedingt, wie Padrissa findet. „Vielleicht nur für fünf Minuten. Dann geht man heim, entspannt sich und findet eine bessere Lösung als die ursprüngliche.“

Dass die Einbeziehung des Zuschauers im klassischen Opernhaus nicht möglich ist, wurmt ihn dennoch. Aber es gibt dafür andere Stücke und andere Orte. In Barcelona realisierte man Monteverdis „Orfeo“ auf einem alten Lastkahn. Und wenn die traditionelle Oper den Grundsätzen der Truppe widerspricht, dann muss man eben auf Neues setzen. Genau das wird im Oktober 2012 in München passieren: Da inszeniert Carlus Padrissa an der Bayerischen Staatsoper die Uraufführung von Jörg Widmanns Oper „Babylon“. Kent Nagano dirigiert, und der Librettist wagt sich aus der Philosophen-Ecke ins Bühnenlicht: Peter Sloterdijk.

Von Markus Thiel

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