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Gestern auch live im Internet: Kent Nagano und Nikolaus Bachler bei der Programmvorstellung.

Bayerische Staatsoper: „Beschäftige mein Hirn und mein Herz“

München - Ganz im Zeichen von Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ steht die kommende Spielzeit an der Bayerischen Staatsoper. Intendant Nikolaus Bachler und Chefdirigent Kent Nagano stellten gestern die neue Saison vor, die sechs Premieren bietet.

Juha Uusitalo ist der Wotan in den „Ring“-Opern „Walküre“ und „Siegfried“.

Weltweit gibt es Wagners Giga-Projekt in noch kürzerer Premieren-Taktung eigentlich nur an einem Ort: in Bayreuth. Doch dort ist man, nicht nur „dank“ der Trennung von Fast-Regisseur Wim Wenders, arg ins Schleudern geraten – was Münchens Opernchef Nikolaus Bachler mehr als einmal und stets genüsslich auf der gestrigen Programmvorstellung durchblicken ließ. Gerade deshalb stemme man den „Ring“ ja auch schon 2012, zum 199. Geburtstag des Meisters. 2013 würden ihn alle machen und sich deshalb um die Sänger streiten, wie Bachler eine Frage aus dem Internet beantwortete.

Catherina Naglestad wurde als „Siegfried“-Brünnhilde und Tosca engagiert.

Erstmals wurde die von den Fans ersehnte Verkündigung der Spielzeit-Details als „Live-Stream“ übertragen – Fragen waren ausdrücklich erwünscht. Und eine weitere Spielerei erlaubte sich das hehre Haus mit der Programmbroschüre: Hält man sie nur lange genug ins Sonnenlicht, erscheint ein behelmter Wotankopf.

Jonas Kaufmann ist in der Wiederaufnahme von „Don Carlo“ zu erleben.

„Kein technischer Ballast, kein Fokus auf Ideologien, keine surrealistischen Bilder, keine Provokation und keine Inhaltsverdrehung“ bekomme das Publikum bei Andreas Kriegenburgs „Ring“-Regie vorgesetzt, versprach Nagano. Er staune vielmehr über das musikalische Denken des Regisseurs, der doch vom Schauspiel komme und mit dem er bereits Münchens „Wozzeck“ erarbeitet habe: „Wir haben einander gefunden.“

Diana Damrau übernimmt alle Frauenrollen in „Hoffmanns Erzählungen“.

Bachler hatte zuvor den offensiven Verkäufer seines Hauses gegeben. Man habe es „in hohem Maße erreicht“, das Musiktheater Nummer eins zu werden. Ein „Trend zum Mainstream“ sei nicht festzustellen, 97 Prozent Platzausnutzung sprächen für sich. Sein Gebot für die Staatsopernpolitik: „Beschäftige mein Hirn und mein Herz.“

Anna Netrebko schlüpft in die Rolle der Julia („I Capuleti e i Montecchi“).

Neben den vier „Ring“-Teilen haben im Nationaltheater noch „Hoffmanns Erzählungen“ von Offenbach Premiere. Bachler geht hier das Risiko ein, den krisengeschüttelten Rolando Villazón für die Titelrolle zu holen. Dafür übernimmt Diana Damrau erstmals Olympia, Giulietta und Antonia. Danach kehrt Zubin Mehta, Ex-Generalmusikdirektor des Hauses, nach fünf Jahren wieder in den Orchestergraben zurück. Er dirigiert die „Turandot“-Premiere, die von der bildgewaltigen spanischen Gruppe „La Fura dels Baus“ inszeniert wird. Das neue Jahr 2012 gehört dann ganz dem „Ring“, nach den vier Einzelpremieren wird die Tetralogie bei den Juli-Festspielen zyklisch gezeigt.

Rolando Villazón kommt für die Hauptpartie von „Hoffmanns Erzählungen“.

Doch auch im normalen Repertoire erhalten Stimmschlürfer genügend Nahrung: Anna Netrebko kommt für „I Capuleti e i Montecchi“, Peter Seiffert für „Fidelio“ und Verdis „Otello“. Jonas Kaufmann und Anja Harteros, einstiges „Lohengrin“-Traumpaar, sind in „Don Carlo“ zu erleben. Waltraud Meier wurde für „Wozzeck“ engagiert, Pavol Breslik für den „Liebestrank“ und Edita Gruberova für „Roberto Devereux“.

Ergänzt wird dies alles durch eine Premiere des Opernstudios: Janá(c)eks „Schlaues Füchslein“ wird von David Bösch fürs Cuvilliés-Theater inszeniert. Zudem gibt es wieder ein Oktobermusikfest und Akademiekonzerte. Auf Einladung von Papst Benedikt XVI. dirigiert Kent Nagano Bruckners neunte Symphonie und das „Te Deum“ in der vatikanischen Audienzhalle.

Wesentlich umfangreicher ist indes ein anderes Gastspiel: Mit Donizettis „Roberto Devereux“, Wagners „Lohengrin“ und Strauss’ „Ariadne auf Naxos“ will die Staatsoper im kommenden Herbst auf Japan-Tournee gehen. Bis Ende Juni möchte man sich Zeit geben, um zu entscheiden, ob alles tatsächlich stattfinden kann. Bachler betonte, welch tiefe Freundschaften zu den japanischen Kollegen und Fans entstanden seien. „Ich hoffe nach wie vor, dass die Situation gegeben ist, dorthin zu gehen.“

Von Markus Thiel

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