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„Die Operette hängt am Tropf“: Daniel Behle zur Premiere von „Giuditta“ an der Bayerischen Staatsoper

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Von: Markus Thiel

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Szene aus „Giuditta“
„Was mir gut gefällt, sind die Gegenpole in dieser Produktion.“ Christoph Marthalers Inszenierung von Franz Lehárs „Giuditta“ hat am 18. Dezember Premiere an der Bayerischen Staatsoper. © Wilfried Hösl

Für die Bayerische Staatsoper ist es eine Revolution. Eine Operetten-Premiere – und dann handelt es sich nicht um die obligatorische „Fledermaus“. Franz Lehárs „Giuditta“ kommt dort am 18. Dezember heraus. Wobei Regisseur Christoph Marthaler das Stück umbaut und Neues implantiert. Die Rolle des Octavio übernimmt Daniel Behle, ein Experte in mehrfacher Hinsicht: 2023 wird seine Operette „Hopfen und Malz“ am Theater Annaberg-Buchholz uraufgeführt.

Daniel Behle
Daniel Behle als Octavio in der Münchner „Giuditta“. © Wilfried Hösl

Eigentlich ist „Giuditta“ doch gar keine Operette – allein, wenn man die heftige Tenor-Arbeit bedenkt.

Ja und nein. Die Partie liegt in einer komischen Zwischenlage. Baritonale Klänge sind gekoppelt mit tenoralen Ausbrüchen – wie oft in der Operettenliteratur. Octavio ist nicht unbedingt gut für die Stimme geschrieben. Man singt und singt und wundert sich danach, dass man müde ist. Manches ist von der Art der Phrasierung her schwerer als der Lohengrin. Früher haben wahrscheinlich die Orchester nicht so massig geklungen, da ging das leichter. Was mich zu meiner Operette führt: Als Sänger, so denkt man, sollte man besser für Sänger schreiben können. In der ersten Fassung von „Hopfen und Malz“ lag aber alles sehr unangenehm. Als ich meinen Krempel ausprobiert habe, bin ich nochmals ran an die Partitur. Es liegt wohl an diesem emphatischen Ausdruck, den man erzielen möchte – auch bei den großen Meistern.

Ist der größte Schlager von „Giuditta“, nämlich „Freunde, das Leben ist lebenswert“, ein Fall wie „La donna è mobile“, vor dem Tenöre besonderes Muffensausen haben?

Unsere Inszenierung fängt, anders als im ursprünglichen Stück, mit dieser Nummer an. Diese Arie singt sich komplett anders als der Rest der Partie, sie steht völlig für sich. Aber das ist ja kein Mozart, den kann man schon ein bisschen runtersauen und sich dabei vom Orchester tragen lassen.

Woher kommt es, dass die Opernhäuser in Sachen Operette eigentlich nur „Die Fledermaus“ spielen?

Wenn man ganz ehrlich ist: Von der Geschichte und der Vermittelbarkeit her ist „Giuditta“ nicht allererste Klasse. Es gibt tolle Hits, aber eben auch Füllwerk. Ich habe das bei meiner eigenen Operette gemerkt: Humor ändert sich alle 15 Jahre. Demgegenüber gibt es Themen, die universeller sind. Wenn einer wie in der „Fledermaus“ einen Polizisten ohrfeigt und ins Gefängnis muss, ist das zeitloser und vielleicht lustiger als das Spiel mit dem Krieg wie in „Giuditta“. Im Grunde ist „Die Fledermaus“ die perfekte Operette.

Gibt es ein Nachwuchsproblem bei der Operette, was das Publikum betrifft? Ist es irgendwann weg, weil ich einen 14-jährigen Handy-Daddler kaum für Lehár begeistern kann?

Man muss eben das Staubige wegkriegen. Es gibt doch auch immer wieder neue Musicals. Die Melodien, die Kern-Arien der Operette müssen wieder im Zentrum der Gesellschaft ankommen...

...und man muss das Genre von den Spätfolgen der Peter-Alexander- Betulichkeit befreien.

Seit dem Zweiten Weltkrieg hängt die Operette einfach am Tropf. Geschichte und Humor müssen zeitgemäß transportiert werden, ohne das Werk zu verraten. Biersaufen und Quatschmachen ist immer lustig und damit zeitlos, das habe ich mir bei „Hopfen und Malz“ gedacht. Ebenso wie Verwechslungskomödien, deshalb funktioniert „Die Fledermaus“ so gut. Und wenn sich mancher an den Texten stößt: Auch im Pop- und Rock-Bereich gibt es zum Gotterbarmen schlechte Reime. Erst mit der Musik wird das alles erträglich – und mit augenzwinkernder Distanz erst recht. Es bleibt Unterhaltungskunst. Man darf das nicht intellektuell zuschütten, sondern muss das Werk atmen lassen und darf nicht dagegen arbeiten.

„Giuditta“ wurde 1934 uraufgeführt. Spürt man darin schon etwas heraufdämmern? Oder ist es ein Flucht-Stück in die heile Welt?

Im Dialog spürt man die Zeitumstände. Die Angst, an die Front nach Afrika zu müssen. Den Wunsch zu desertieren. In unserer Produktion wird man eine gewisse Melancholie und Lähmung stark spüren. Ich füge mich dem nicht immer. In der Musik, darauf poche ich, muss man mir das Verliebtsein und das Glück schon abkaufen können.

Hat es Marthaler gerade mit Ihnen schwer – als operettenerfahrener Sänger, der selbst eine geschrieben hat?

Ich find’s prinzipiell immer gut, etwas Neues und neue Perspektiven kennenzulernen. Und: Ich bin ausführender Künstler und werde dafür bezahlt. Andererseits hinterlasse ich schon ein paar Meinungsstempel. Aber da Christoph Marthaler auch Musiker ist, treffen wir uns irgendwann. Was mir gut gefällt, sind die Gegenpole in dieser Produktion. Wir haben Lehárs süffige Musik, dann wird die konfrontiert mit Hanns Eisler – und dadurch wird man wieder frei für den nächsten Operettenhit.

Ist das ein Problem, dass man abgestempelt wird als „Daniel Behle, der Operettenmann“?

Sobald ich ein Adjektiv angeklebt bekomme, tu ich ja alles dafür, auch über CDs, dass ich in eine andere Richtung abbiege. Vielleicht hätte ich ohne diese Haltung eine noch größere Karriere machen können. Aber ich langweile mich schnell. Insofern ist diese so besondere Inszenierung, zu der ich mich stark verhalten muss, eine willkommene Abwechslung.

Wie kann es einem bewusst werden, dass man selbst wirklich komisch ist?

Letztlich kann man nur seinen eigenen Humor als Maßstab nehmen. Eine sichere Miete ist Situationskomik, die kuriose Momente schafft. Wenn man da nicht lacht, fühlt man sich zumindest gut unterhalten. Loriot funktioniert nur so, und alles wird auch noch knochentrocken serviert. Und, ganz wichtig: Immer wird eine Geschichte erzählt.

Sie bringen pro Jahr mindestens eine CD heraus. Sind Sie einer der Letzten, der noch an dieses Medium glaubt?

Ich glaube einfach an das Format eines programmatischen Albums. Ob das als CD, in Vinyl oder online rauskommt, ist egal. Meine CDs erscheinen ja alle in relativ kleiner Auflage. Es gibt, was die Vielzahl möglicher Projekte betrifft, noch einiges zu sagen. Sie werden halt immer kleiner und abgefahrener. Ich denke zum Beispiel an mein Album „Heimat“ mit German Hornsound. Das geht vom Titel „Heimat“ von Johannes Oerding über „Ein neuer Frühling wird in die Heimat kommen“ bis zu Lohengrins „Gralserzählung“, alles begleitet von vier Hörnern. So was gab’s noch nicht. Mittlerweile wuppe ich das alles nicht mehr selbst, ich suche mir immer einen Partner, der auch was in den Topf wirft. Ich brauche das – allein der Aufnahmeprozess macht süchtig.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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