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Szenenapplaus gibt’s für das Pariser Quartier Latin im zweiten Akt der Münchner „Bohème“.

Bayerische Staatsoper: Ohne Verfallsdatum

Bei den gerade laufenden Münchner Opernfestspielen blickt jeder gespannt auf die neuen Produktionen. Aber im Nationaltheater gibt es „Oldtimer“, die bis heute vom Publikum geliebt werden.

Immer noch geht ein Raunen durchs Nationaltheater. Manchmal brandet sogar spontaner Szenenapplaus auf, wenn sich der Vorhang zum zweiten Akt von Puccinis „La Bohème“ öffnet: das Pariser Quartier Latin um die Mitte des 19. Jahrhunderts, buntes weihnachtliches Treiben vor dem Café Momus. Wer fühlt sich da nicht eingeladen? Die Lebenslust schwappt ungebremst ins Parkett und bis hinauf auf die Galerie strömt Pariser Flair. Seit 40 Jahren ist das so, denn die „Bohème“ an der Bayerischen Staatsoper erblickte am 14. Juni 1969 das Bühnenlicht. Otto Schenk inszenierte sie, und Rudolf Heinrich entwarf Bühnenbild und Kostüme.

Münchens Dauerbrenner

1965: Engelbert Humperdinck: „Hänsel und Gretel“, Regie: Herbert List, Ausstattung: Herbert Kern

1969: Giacomo Puccini: „La Bohème“, Regie: Otto Schenk, Ausstattung: Rudolf Heinrich

1972: Richard Strauss: „Der Rosenkavalier“, Regie: Otto Schenk, Ausstattung: Jürgen Rose

1973: Puccini: „Madame Butterfly“, Spielleitung: Wolf Busse, Bühnenbild Otto Stich, Kostüme: Silvia Strahammer

1978: Wolfgang Amadeus Mozart: „Die Zauberflöte“, Regie: August Everding, Ausstattung: Jürgen Rose

1980: Rossini: „La Cenerentola“, Regie und Ausstattung: Jean Pierre Ponnelle

1989: Gioachino Rossini: „Il Barbiere di Siviglia”, Regie von Ferruccio Soleri, Bühnenbild von Carlo Tommasi, Kostüme von Ute Frühling.

Die Produktion, die zu den „Oldtimern“ des Repertoires gehört, wird noch getoppt von Humperdincks „Hänsel und Gretel“. Diese Inszenierung kam im Dezember 1965 im Nationaltheater heraus, war aber schon vorher in einer ersten Version, 1946 von Walter Pohl inszeniert, im Prinzregententheater gezeigt worden. Mithin bringt ihr Alter mit 44 plus die höchste Haltbarkeit in die Münchner Opernstatistik. Brigitte Fassbaender, 1965 ein blutjunger Hänsel, erinnert sich: „Mir erschien die Inszenierung schon damals uralt. Herbert List, der damalige Betriebsdirektor, hatte sie inszeniert und weil er so gern probierte, wurden für jede Wiederaufnahme viele Proben angesetzt. Im Dezember sangen wir manchmal zwei Vorstellungen pro Tag, ich habe mich dann gar nicht mehr abgeschminkt. Es war ein großes Vergnügen und Weihnachten ohne Hänsel – das gab es nicht.“

Das gibt es auch bei Staatsopernintendant Nikolaus Bachler nicht. Schon zu Beginn der Adventszeit und natürlich an Weihnachten steht die Märchenoper heuer auf dem Programm. Auch Puccinis „La Bohème“ und Mozarts „Zauberflöte“. Sie gehört mit ihren 31 Jahren auch zu den Oldies. Richard Strauss’ „Rosenkavalier“ ist allerdings noch sechs und Puccinis „Madame Butterfly“-Inszenierung fünf Jahre älter. Zu den jungen Alten im Repertoire zählen da Rossinis „La Cenerentola“ mit 29 und sein „Barbiere di Siviglia“ mit nur 20 Lenzen.

Sind diese Produktionen nun Oldtimer, die poliert werden, oder doch Altlasten? „Weder noch“, meint Bachler, der die Oper als Gegenteil eines Museums versteht, aber diese Inszenierungen pflegt, weil sie „die nötige Vielfalt im Repertoirebetrieb“ sichern. „Es kann nicht nur Neuproduktionen geben, und wenn eine Aufführung im erzählerischen Sinne sehr nahe an der Geschichte ist, dann hält sie oft sehr lange. Die ‚Bohème‘ gehört dazu. Sie ist gut gearbeitet, und wenn sie gut besetzt ist, funktioniert sie wunderbar. Der Zuschauer sieht die Oper in einer historisierenden Interpretation.“ Ein Wagner’scher „Ring“ hat dem gegenüber ein früheres Verfallsdatum.

Bachler erklärt: „Wagners Musiktheater ist viel analytischer, konzeptioneller geprägt und verlangt nach starker Interpretation, Mozart zum Teil auch. Wenn aber eine Inszenierung sehr zeitgebunden, aktualisiert oder modisch ist, dann kann sie nach wenigen Spielzeiten oft schon sehr alt aussehen. Der Bezug ist verloren gegangen.“ Der Intendant setzt auf eine gute Mischung im Repertoire und meint, dass Toscas, Butterflys und Bohèmes immer die Altersstatistik anführen. Den 52 Jahre alten „Parsifal“ am Mannheimer Nationaltheater versteht er eher als Kuriosum und auch eine spanische „Aida“-Produktion aus den 20er-Jahren ordnet er dort ein. Bachler meint, „es zählt nicht alt oder neu, nur, ob das Werk auf der Höhe ist oder nicht“. In diesem Sinne gibt er zu, dass die „Butterfly“ neu inszeniert werden müsste. Über einen neuen „Rosenkavalier“ wird nachgedacht, aber die „Bohème“ soll bleiben und runderneuert werden, was im Jahr 2004 schon mit der „Zauberflöte“ passierte. Kein leichtes Unterfangen, wie der technische Direktor, Ralf Wrobel, verrät: „Meine Mannschaft und ich haben großen Respekt vor einer solchen Restaurierung. Die Holzqualität ist schlechter geworden, statt Handarbeit kommen heute mehr Maschinen zum Einsatz. Manche Farbstoffe dürfen nicht mehr verwendet werden. Es wird sehr schwierig sein, die alten Zeitungen, mit denen das Atelier tapeziert ist, wieder zu bekommen… Und natürlich hat die Patina der Bilder auch ihren eigenen Charme.“ Dennoch soll es in der Saison 2010/2011 ein neues szenisches Outfit für Puccinis Dauerbrenner geben. Möglichst in den heutigen Normmaßen: In See-Container-Größe – leicht zu verschiffen. Zum Beispiel nach Japan, wo gerade Ponnelles alte „Cenerentola“ gefeiert wird.

Wie viele Hänsel-Hosen im Lauf der Jahrzehnte schon durchgewetzt wurden, weiß Pressechefin Ulrike Hessler zwar nicht. Aber auch ihre „Opern-Karriere“ begann 1965 mit dieser Märchenoper und „einem Eis mit heißen Himbeeren in der Pause“. „La Bohème“ erlebte sie mit Erika Köth und Nicolai Gedda und in den „Rosenkavalier“ „lief ich, so oft er gespielt wurde“. Ulrich Gärtner, Chef von Kostüm und Maske an der Bayerischen Staatsoper, berichtet, wie schwierig es war, vor einigen Jahren die völlig zerlumpten Schuhe der Lebkuchenkinder zu ersetzen. Strapazierfähiger sind manche Kostüme: „Es gibt robuste Baumwoll-Leinen-Stoffe, die halten viel aus. Heute fertigen wir meist zwei Garnituren für die Solisten an.“ Schwierig wird es, wenn eine zu oft enger oder weiter gemachte Jacke aus dem „Rosenkavalier“ erneuert werden muss. „Diese wunderbaren Stoffe von damals gibt es gar nicht mehr. Dann besteht die Herausforderung darin, eine dem Konzept des Kostümbildners angemessene Alternative zu finden.“

Brigitte Fassbaender – unvergessen als Octavian – gerät ins Schwärmen: „Dieser ‚Rosenkavalier‘ hat mich durch mein Leben begleitet. Schenk hat uns schauspielerisch enorm gefordert und der geniale Carlos Kleiber war von der ersten Probe an dabei. Jede Aufführung war in ihrer Intensität ein Festspiel.“ Wenn es so ist, spielen Jahre keine Rolle…

von Gabriele Luster

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