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Im gespenstisch leeren Nationaltheater spielte Igor Levit Beethovens „Diabelli-Variationen“.

KULTUR IN CORONA-ZEITEN

Akademiekonzert der Bayerischen Staatsoper: Geisterstunden für die Seele

Die Bayerische Staatsoper musste kurzfristig umdisponieren und streamt ein Akademiekonzert mit neuem Programm. Mehr als ein Notbehelf ist das.

München - Irgendwie beruhigend ist dies, dass angesichts der immer größeren Einschränkungen und Schließungen nicht nur die Grundversorgung mit Lebensmitteln gesichert bleibt. Auch an musikalischer Nahrung für die Seele mangelt es nicht, da Opernhäuser weltweit ihre digitalen Archive öffnen oder weiterhin Live-Übertragungen stemmen – von Stockholm bis Wien, von Turin bis zur New Yorker Met (wir berichteten).

Auch die Bayerische Staatsoper hatte vor, der Krise zu trotzen und das fünfte Akademiekonzert mit Mahlers erster Symphonie, dem „Titan“, und Liszts erstem Klavierkonzert als Stream angekündigt. Da es jedoch wenig sinnvoll war, das Publikum auszusperren, aber dennoch Musiker eines großen Orchesters dicht an dicht auf dem Podium zu postieren, mussten auch diese Pläne kurzfristig geändert werden. Und man kann nur den Hut ziehen, wie es den Menschen hinter den Kulissen gelang, innerhalb weniger Stunden ein Ersatzprogramm im Kammerformat zu organisieren. 50 000 Computer-Nutzer verfolgten die knapp drei Stunden. Künftig will die Staatsoper jeden Montag ein solches Konzert mit Künstlern des Hauses anbieten

Christina Landshamer und Christian Gerhaher sangen Schumanns „Liederalbum für die Jugend“, begleitet von Gerold Huber.

Zum Auftakt traten da Bariton Christian Gerhaher und Sopranistin Christina Landshamer in Erscheinung, die derzeit an einer CD mit Schumanns „Liederalbum für die Jugend“ arbeiten und sich bereit erklärt hatten, dem Publikum – mit den Worten von Intendant Nikolaus Bachler – „die Probe einer Aufnahme zu schenken“. Und abgeschirmt von direkten Reaktionen des Publikums (dessen Beifall in den Sozialen Netzwerken nachzulesen war) fühlte man sich zuhause am Bildschirm tatsächlich wie der Zaungast einer Probe, bei der mit Pianist Gerold Huber noch das eine oder andere ausgetestet wurde.

Heilende Kraft der Musik

Während Landshamer auf einen angenehm schlichten Tonfall setzte, wurde von ihrem Partner manches ein wenig zu kraftvoll angegangen. Der hatte dabei die oberen Hemdknöpfe leger offen und war weniger auf die Wirkung nach außen bedacht, sondern ganz in die Noten vertieft. Ein Eindruck, der auch dadurch entstehen mochte, dass dynamische Abstufungen im Raum doch feiner wahrzunehmen sind als durch das „Brennglas“ des PC-Lautsprechers – der Vorzüge, aber ebenso Manierismen gnadenlos vergrößert.

Wenn diese verdienstvollen „Geisterkonzerte“ uns etwas beweisen, dann nicht nur die heilende Kraft der Musik. Sie liefern auch ein überzeugendes Argument, warum die meisten Künstlerinnen und Künstler Live-Aufnahmen einer Studioproduktion vorziehen. Gerade die gern beschworene stumme Interaktion mit dem Publikum ist es, die das entscheidende Quäntchen Adrenalin freisetzt. Einen Eindruck davon, wie seltsam es sich für die Ausführenden anfühlen musste, gaben vereinzelte Kameraschwenks durch das gespenstisch leere Nationaltheater, während im Hintergrund statt Applaus lediglich das Rumpeln der Bühnenarbeiter zu hören war.

Und so sehr man sich sonst gern über das Husten oder Rascheln seiner Sitznachbarn echauffiert: Ohne ist es irgendwie auch nicht dasselbe. Selbst wenn sich Igor Levit nur wenig davon anmerken ließ, der einsam im Lichtspot eine gewohnt kompromisslose und stramm vorwärtsdrängende Interpretation von Beethovens „Diabelli-Variationen“ beisteuerte. Seite an Seite mit den prominenten Gästen waren auch Mitglieder des Staatsorchesters präsent, die ihre zum Zwangsurlaub verurteilten Kolleginnen und Kollegen in Streichquartett-Formation mit einer entspannten Wiedergabe von Mozarts KV 387 mehr als würdig vertraten. Ebenso wie die hyperaktiven Schlagzeuger der Staatsoper, die als Ensemble OPERcussion mit Bach und Chick Corea einige neue Fans für ihre Kammerkonzerte in der neuen Saison gewonnen haben dürften.

VON TOBIAS HELL

Hinweis:
Das Konzert ist weiterhin unter staatsoper.de/stream abrufbar.

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