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Mehr als „der Intel-Chip im Computer Bayerische Staatsoper“: Das Staatsorchester spielt dank Kirill Petrenko in der ersten Liga.

Kritikerumfrage der „Opernwelt“

Die Eisenbahner vom Bayerischen Staatsorchester

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Zum vierten Mal in Folge wird das Bayerische Staatsorchester in der „Opernwelt“-Umfrage Orchester des Jahres. Es emanzipiert sich damit ein Stück weit von seinem Chefdirigenten. Und: Lyon als Opernhaus des Jahres, auch das ist für München interessant.

München -  „Es ist wie bei einem, der eine Eisenbahnlandschaft aufbaut mit allen denkbaren Details.“ Wer an einen angezählten Ministerpräsidenten aus Ingolstadt denkt, liegt falsch: Kirill Petrenko, Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper, ist gemeint. Und das Urteil über seine exzessive Fummelei stammt von einem, der den musikalischen Eisenbahner in der Probenarbeit fast täglich erlebt: von Guido Gärtner, Violinist im Bayerischen Staatsorchester. Im Ernstfall Aufführung werde dann der Zug aufs Gleis gesetzt, sodass der Chef am Trafo spielen kann, sagt er. „Es handelt sich um eine Extremorganisation, die einem erst Freiheit ermöglicht.“

So groß ist diese Freiheit mittlerweile, so sehr haben die Musiker die Arbeitshaltung ihres Chefs verinnerlicht, dass sie erneut ausgezeichnet wurden. Zum vierten Mal in Folge wählten 50 internationale Kritiker das Bayerische Staatsorchester in der Umfrage der Zeitschrift „Opernwelt“ heuer zum Orchester des Jahres. Das ist nicht nur als Serie denkwürdig, sondern auch, weil Petrenko zwar 2014 und 2015 parallel Dirigent des Jahres wurde, inzwischen aber Kollegen Platz machte – in diesem Jahr kam Hartmut Haenchen dank des Bayreuther „Parsifal“ auf Platz eins. Für das Staatsorchester wiegt diese Auszeichnung damit umso mehr: Auch wenn klar ist, dass Münchens Opernmusiker ohne den Filigrantüftler und Partiturentaucher Petrenko nie zu diesen technischen und klangbewussten Höhenflügen wie derzeit in der Lage wären, so haben sie sich vom Chef doch ein Stück weit emanzipiert.

Neues Selbstbewusstsein und größerer Druck

Ruhm bedeutet das, aber auch Druck. Und der wird nicht nur vom Publikum oder von den Medien erzeugt. „Das ist eine gruppenenergetische Geschichte“, meint Hornist Christian Loferer, Mitglied des Vorstands. „Man will sich keine Blöße geben.“ Guido Gärtner ergänzt: „Die Erwartungen wachsen auch von innen.“ Für das neue Selbstbewusstsein, das sich auch in Abenden ohne Petrenko niederschlägt, ist Gärtner der richtige Ansprechpartner. Als Geschäftsführer der Konzert GmbH, die sich um Termine abseits der Operneinsätze kümmert, hat er Konzerttourneen wie gerade nach Seoul und Taiwan mitorganisiert. Immer „nur“ der Klangkörper im Graben, der „Intel-Chip im Computer Bayerische Staatsoper“, wie es Gärtner ausdrückt, diese Wahrnehmung ist vorbei. Was nicht heißt, dass man nun am Machtgefüge der Staatsoper kratzt. Den Musikern ist nur zu bewusst, das überstarke Orchester-Positionen wie an der Dresdner Semperoper, an der Wiener Staatsoper oder an der Deutschen Staatsoper Berlin sich fatal auf Strukturen und Programm auswirken: Innovation spielt sich dort jedenfalls nicht ab.

Andernorts gehört sie zum Tagesgeschäft – zum Opernhaus des Jahres wurde in der Kritikerumfrage die Opéra de Lyon gewählt. Auch dieser Preis dürfte die Verantwortlichen des Freistaats aufhorchen lassen. Serge Dorny, Intendant in Lyon, gilt als einer der Favoriten für die Nachfolge von Nikolaus Bachler an der Bayerischen Staatsoper. In der französischen Zweiflüssestadt hat Dorny sein Haus positioniert mit einem stark inhaltlich orientierten, auf Teamarbeit setzenden Programm, das beherzt nach vorn schaut – und zurück. Lyon erregte Aufsehen durch die Wiederbelebung dreier legendärer Inszenierungen von Heiner Müller, Ruth Berghaus und Klaus Michael Grüber. Und Dorny macht Oper für die Stadt, horcht hinein in die Off- und Jugendszene, ein Kommunikator von hohen Graden.

Kirill Petrenkos Nachfolger steht eigentlich fest

Ein wenig vom Glanz der Sängerin des Jahres fällt auch ab für die Bayerische Staatsoper. Anja Harteros erhielt den Titel unter anderem für ihre Elisabeth im Münchner „Tannhäuser“. Dessen umstrittener Regisseur Romeo Castellucci wurde auch für diese Produktion geehrt, bezeichnenderweise aber nicht für die Inszenierung, er ist Bühnenbildner des Jahres. Regisseur des Jahres wurde dafür Dmitri Tcherniakov für Bizets „Carmen“ in Aix-en-Provence. Sänger des Jahres ist Matthias Klink von der Staatsoper Stuttgart, wo auch der Chor des Jahres beheimatet ist. Die Aufführung des Jahres war in Hamburg zu sehen: Bergs „Lulu“ in der Inszenierung von Christoph Marthaler und unter der Leitung von Kent Nagano, dem früheren Chef des Bayerischen Staatsorchesters.

Letzteres, das darf vermutet werden, spielt bei der Suche nach Kirill Petrenkos Nachfolger eine große Rolle. Gerade hat man sich, das ist vielfach zu hören, ein wenig in Andris Nelsons verliebt. Nach seiner Münchner „Rusalka“-Serie im Juni zeigten sich die Musiker begeistert von seiner Emotionalität, von seinem überschwänglichen Zugriff – vielleicht auch, weil er im Gegensatz zu Petrenko auch mal fünfe gerade sein lässt. Aber ob Nelsons nach München kommt? Dazu müsste der Vielbeschäftigte bis Überarbeitete mit Positionen in Boston und Leipzig sich erst einmal Luft verschaffen. Realistischer bleiben die Namen Antonio Pappano und Vladimir Jurowski. Die Bekanntgabe dürfte nicht lang auf sich warten lassen. Seit Monaten, so heißt es, wird mit zwei Personen verhandelt. Die Namen des künftigen Intendanten und des Generalmusikdirektors stehen also fest.

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