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Die Münchner Ballerina Lisa-Maree Cullum im Kostüm von „Raymonda“ vor dem neuen Opernhaus in Peking. Das Theater ist vollständig von einem Wassergraben umschlossen und kann nur durch zwei unterirdische Gänge betreten werden. Mit „Raymonda“ eröffnet das Bayerische Staatsballett morgen sein Peking-Gastspiel.

Mit dem bayerischen Staatsballett in China

Nach vier Jahren führt das Bayerische Staatsballett „Raymonda“ wieder auf – bei seiner Gastspielreise in Peking.

Den chinesischen Stewardessen müssen diese Gäste seltsam vorkommen: Sie turnen trotz leuchtender Anschnall-Anzeige mehr in den Gängen, als dass sie sitzen, einer macht Dehnübungen am Aufgang zur ersten Klasse, eine andere hat die Beine am Vordersitz entlang senkrecht über sich gereckt: Das Bayerische Staatsballett ist auf dem Weg nach Peking – und einige Tänzer sind so fit, dass sie den neunstündigen Flug lieber im Servicebereich verbringen als zwischen engen Sitzreihen. Die Ankunft im neuen Terminal des Pekinger Flughafens, einer federleicht scheinenden Konstruktion des Architekten Norman Foster, dürfte für ihre trainierten Beine dennoch eine Erlösung sein.

110 Leute müssen für die vier Aufführungen der „Raymonda“ und den modernen Abend „Mixed Bill“ ins Reich der Mitte geflogen werden. Etwa 70 gehören dem Ensemble an, denn wegen der Verletzungsgefahr sind die Rollen doppelt besetzt. Die übrigen kümmern sich um Bühne, Technik, Maske, Garderobe, Training und die Organisation. Einige sind schon vorausgereist, denn innerhalb von sechs Tagen müssen beide Produktionen fertig eingerichtet sein. Und noch warten die Kulissen, die verschifft worden sind, irgendwo in ihren Containern darauf, dass das Teatro Regio di Parma mit seinem Gastspiel abgereist ist und die LKWs sie holen.

Während schon Berge von Kostümen ausgepackt, aufgebügelt und geändert werden, haben die Tänzer noch einen Tag frei. Bei 30 Grad Celsius laufen sie sich auf den verschlungenen Wegen der Verbotenen Stadt schon einmal warm, ehe eine harte Arbeitswoche für sie beginnt – trainiert werden muss immer, ob zuhause in München oder in der Ferne. In Peking schwimmt direkt neben der Großen Halle des Volkes wie ein Ufo in einem See die Halbkugel des Großen Nationaltheaters, von den Chinesen gerne „Ei“, „Klecks“ oder schlimmer noch: „Dung“ genannt. Dabei hat der riesige Kuppelbau Paul Andreus auch von innen so gar nichts Unappetitliches, sondern mutet eher futuristisch, steril an. Er beherbergt Theater-, Konzert- und Opernhaus mit insgesamt über 5000 Plätzen.

Zwei große Treppen-Schlünde ziehen die Besucher unterirdisch ins Gebäude hinein, im Foyer kann man wie ein Fisch durchs Glasdach die Wellen des Sees über einem beäugen. Die Sicherheitsleute erinnern aber schnell wieder daran, dass es sich hier um einen Repräsentationsbau des modernen China und seines Kader-Kapitalismus handelt.

Wie verloren das Individuum ist, wird spätestens in dem gigantischen Labyrinth im Bauch des Theaters klar, durch das man sich einen Ariadnefaden wünscht, um zielstrebig von der Garderobe zu den Studios oder gar zur Bühne zu gelangen. Die Ersten, die hier für „Raymonda“ proben, sind zehnjährige Chinesinnen von einer privaten Ballettschule. Sie übernehmen den Tanz, der in München für die Kinder der Bosl-Stiftung kreiert wurde. Begeistert ahmen sie Ballettmeister Thomas Mayr nach, der ihnen gestenreich und schon mit ein paar Brocken Chinesisch erklärt, worauf sie achten müssen. „Gastspiele sind immer eine komplexe Mixtur aus Pragmatik und künstlerischem Wollen“, sagt Dramaturg Wolfgang Oberender. „Immer lernt man etwas dazu, was man beim nächsten Mal wiederum nicht brauchen kann.“ Trotz des Stresses lohnen sich Gastspiele, weil sie internationales Ansehen bringen – und weil die Kosten für den gigantischen Aufwand der Gastgeber trägt.

Zwei Tage vor der Premiere beginnen nun auch für die Tänzer die Proben. Sie sind in diesem Fall besonders intensiv, denn „Raymonda“ stand in München vier Jahre nicht mehr auf dem Spielplan und wird erst zum Beginn der nächsten Saison wieder aufgenommen.

Im Probensaal steht schon beim Durchlauf des ersten Akts die Luft, denn die Klimaanlage musste abgeschaltet werden – sie ist einfach zu kalt. Trotzdem hüllen sich die Tänzer in Jacken, um sich in den Pausen nicht zu verkühlen, und ziehen sich über die empfindlichen Fußgelenke ihre Wärmeschuhe, die an Moonboots erinnern.

Wieder wären reitende Boten vonnöten, um sich auf den langen Gängen mehrerer Geschosse zu verständigen: Irgendwer muss Ballettdirektor Ivan Liska zur Pressekonferenz bringen. Etwa 20 Journalisten sind gekommen, weniger als erwartet, aber „nur die besten“, versichern die Veranstalter, „die anderen“ seien gar nicht erst eingeladen.

Wie er die künstlerische Emotion verbinde mit der doch bekanntermaßen ernsten, tiefen und bewussten Art der Deutschen? Liska muss lachen, sein Ensemble ist am wenigsten deutsch, „wir sind eine europäische Nation“, sagt er und erläutert die ähnliche Denkweise über individuelle Freiheit und die Freiheit des Künstlers, sie auch auszudrücken.

Während der Pressekonferenz ist schon wieder Chaos im Labyrinth ausgebrochen: Der Beleuchtungsmeister hat sich verletzt, und einer von drei Stellwagen der Beleuchtung funktioniert nicht – die Sicherungskopie akzeptieren die chinesischen Computer aber nicht. Alles ist aufregend – wie immer bei den Gastspielen –, aber irgendwie wird auch diesmal wieder bei der Premiere alles funktionieren.

Von Christine Diller

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