+
Sebastian Goder, einst Ensemblemitglied der Münchner Kammerspiele, ist nun ein Star an der Komödie im Bayerischen Hof.

Premiere "Butterbrot": Komödien-Star Goder im Porträt

München - Am Mittwoch startet das Stück "Butterbrot" in der Komödie im Bayerischen Hof. Schauspieler Sebastian Goder erzählt über die Proben, DDR-Erfahrungen und die Liebe zum Boulevard.

Unmittelbar auf den Kracher „Ladies Night“ von Sinclair und McCarten jetzt vom österreichischen Multitalent Gabriel Barylli „Butterbrot“ (1987/88 Roman und Stück; 1990 Film mit Barylli, Heinz Hoenig, Uwe Ochsenknecht) – diese Saison lässt die Münchner Komödie im Bayerischen Hof mal geballt das „starke Geschlecht“ zu Wort kommen. Dort fünf zum Moneymaking-Stripp wild entschlossene Arbeitslose. Hier eine wegen gescheiterter Beziehungen gegründete Männer-WG, in der die „Ladies Night“-Mannen Sebastian Goder und Pascal Breuer wieder dabei sind. Für Torsten Münchow – den man demnächst in der Titelrolle von Bernd Fischerauers TV-Zweiteiler „Otto von Bismarck“ sehen wird – ist Jacques Breuer zum Team gestoßen.

Die selten zusammen spielenden Breuer-Brüder und Komödie-Stammgast Sebastian Goder, da könnte Michael Wedekinds Inszenierung einen Extra-Kick bekommen. Sebastian Goder mit der für ihn typischen Gesprächsintensität: „Du merkst, dass da zwei Brüder auf der Bühne stehen, die sich in- und auswendig kennen. Also Untertöne spüren, Töne voneinander abnehmen und dann auch sehr schnell deeskalierend oder eskalierend aufeinander wirken können. Das ist ein hochspannender Prozess für die Arbeit.“

Eskalieren tut’s auf jeden Fall: Die Zweier-WG von Stefan und Martin, die Zuwachs durch Peter erhält, dessen Ehe gerade in die Brüche ging, funktioniert bestens nach der Regel: Affären ja, aber nie mehr Sichverlieben – bis Martin diese Regel bricht. „Hier sind drei Männer in einer wirklichen Lebenskrise, ohne sich das zunächst selbst einzugestehen“, verrät Goder die Grundaussage des Stücks. Seine Rolle, der unzufriedene und bald gekündigte Schauspieler Stefan, kommt ihm entgegen, weil er sich „spielend“ mit seinem tatsächlichen Beruf auseinandersetzen kann. Für den Mittvierziger, aufgewachsen in der DDR, war das Schauspielen zwingend: als Möglichkeit zu einer Freiheit zumindest in der Fantasie. „Ich konnte einfach das Gefühl nicht ertragen, eingesperrt zu sein, mich nicht entfalten zu können. Mein Vater, eine Augenarzt-Koryphäe, durfte reisen. Im Irak hat er Hassan al Bakr, den Vorgänger von Saddam Hussein, operiert, in Nordkorea den ,Ewigen Präsidenten‘ Kim Il Sung (Vater des 2011 verstorbenen Kim Jong Il, die Red.) behandelt. Wir mussten als Fleischpfand immer zu Hause bleiben.“ Nach zermürbenden Ausreiseanträgen und vier Jahren Wartezeit kann Goder durch eine „West-Heirat“ Anfang 1989 die DDR verlassen. Noch lange nach seinem „Grenzübertritt am Checkpoint Charlie mit nur zwei Plastiktüten“ hat er Albträume, dass man ihn wieder in die DDR zurückholen würde. Als ein halbes Jahr danach die Mauer fällt, stellt sich bei ihm, wie bei vielen Spätumsiedlern, leise Bitterkeit ein ob der vielen gebrachten Opfer.

Mit seiner Schauspiel-Grundausbildung von der Theaterhochschule „Hans Otto“ in Leipzig wird er dann problemlos an der Münchner Otto-Falckenberg-Schule aufgenommen. Jobbt am Wochenende im „Alten Wirt“ in Grünwald mit Bettenmachen und als Rezeptionist. Wird nach Falckenberg-Abschluss sofort an die Kammerspiele unter Dieter Dorn engagiert. Als er nach sieben Jahren weggeht, ist, wie er berichtet, die Reaktion aller „,Bist Du wahnsinnig. So ein Ensemble verlässt man doch nicht!‘ Aber ich hatte mich bei einem Klassentreffen in eine ehemalige Mitschülerin verliebt. Weil ihre DDR-Zeugnisse in Bayern nicht anerkannt wurden, bin ich zu ihr und unserem Sohn nach Berlin“, erzählt Goder, und wie er dort von vorne anfangen musste, Tourneen mit 180 Vorstellungen machte – „Da geht man danach am Stock, gerade bei Klassikern wie ,Kabale und Liebe‘“ – und dass er nach ersten Boulevard-Stücken anfing, diese Art von Theater zu lieben.

„Wenn man die Komödie, das Problem bitterernst nimmt, das in der Figur und der Situation steckt, und daraus die Komik entstehen lässt, das ist eine spannende Herausforderung.“ Nach Köln, Düsseldorf, Berlin, Frankfurt spielt er 1998 in Neil Simons „Barfuß im Park“ zum ersten Mal an der Münchner Komödie im Bayerischen Hof. Harald Leipnitz, der inszeniert, entdeckt bei ihm Regietalent und ermutigt ihn intensiv.

Vergangenes Jahr hat Goder seinen ersten Film herausgebracht unter dem Titel „Der Film Deines Lebens“ (siehe auch die DVD-Kritik). „Auslöser war, ähnlich wie bei Baryllis Männern, eine tiefe Lebenskrise. Ich habe damals viel über die verschiedenen Weltreligionen gelesen, Intuitions-Seminare besucht, um wieder in einen Zustand des inneren Friedens zu kommen. Und die Erkenntnis, dass jedes negative Erlebnis auch eine positive Seite hat, wollte ich in dieser Mischung aus Spiel- und Lehrfilm weitergeben.“ Dann deutet er mit spitzbübischem Lachen an, dass er schon einen nächsten Streifen plant: „Einen reinen Spielfilm nach einem Buch, das ich aus Indien mitgebracht habe“. Die Geschichte gibt er noch nicht preis. Aber man kann sicher sein, die Dualität des Lebens wird darin eine Rolle spielen.

„Butterbrot“ ist von morgen bis 14. Juli in der Münchner Komödie im Bayerischen Hof zu sehen; Karten unter der Telefonnummer 089/ 29 16 16 33

Malve Gradinger

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

„Hamlet ist Richter und Henker“
München - Gleich zum Auftakt des Jahres lassen es die Münchner Theater krachen. Wenige Tage nach „Macbeth“ am Residenztheater folgt in den Kammerspielen ein weiterer …
„Hamlet ist Richter und Henker“
Die Fantastischen Vier in der Oly-Halle: Mit fantastischen Grüßen
München - Wer das Wort „fantastisch“ im Namen führt und auszieht, sein Best-of unters Volk zu bringen, der hängt die Messlatte hoch. Die Fantastischen Vier erfüllen den …
Die Fantastischen Vier in der Oly-Halle: Mit fantastischen Grüßen
Im Reich von Mode und Magie
Zürich - Spätestens seit dem Terroristen-Epos „Carlos“ ist der französische Filmemacher Olivier Assayas auch deutschen Kinofans ein Begriff. Sein preisgekröntes Drama …
Im Reich von Mode und Magie
Mordmotor mit Unwucht
Andreas Kriegenburg inszenierte William Shakespeares „Macbeth“ fürs Münchner Residenztheater
Mordmotor mit Unwucht

Kommentare