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Sie erkämpft sich ihre Rolle: Lisa Wagner (M.) als Penthesilea, hier gehalten von Meroe (Katharina Hauter), der Oberpriesterin (Anna Riedl) und Prothoe (Stephanie Leute; v.li.).

Bayerisches Staatsschauspiel: Hass-Liebe auf Sparflamme

München - Auf Nummer sicher ging das Bayerische Staatsschauspiel nicht, die Saison mit „Penthesilea" (gedruckt 1808) im Münchner Residenztheater zu eröffnen.

An Kleists erst 1876 in Berlin uraufgeführter „mächtigster und ureigenster Dichtung“, wie Alfred Döblin formulierte, scheitert man nur zu leicht. Von Goethe abgelehnt, sogar für komisch befunden, lange nur selten gespielt, dann vom Regietheater für sich entdeckt, reizt dieser Kleist heute mit seiner extremen Gefühlswelt, den mehrfachen Ausweglosigkeiten und seinem dadurch breiten Deutungsspielraum immer wieder Regisseure: von Hans Neuenfels und Hans Jürgen Syberberg (seine Monologfassung mit Edith Clever 1988 als Gastspiel im „Resi“) bis zu Andreas Kriegenburg, der es 1999 fürs Staatsschauspiel inszenierte, Luk Perceval, jüngst Roger Vontobel und jetzt Chefdramaturg Hans-Joachim Ruckhäberle.

Auf der Bühne türmt sich ein massiges bräunliches Breitwand-„Geklüft“. An einem solchen verfolgt ja Penthesilea ihren gestürzten Achill - was wir jedoch, wie alle Kämpfe, als Mauerschau und Botenbericht erfahren. Gleich zu Beginn erzählt Amazone Jennifer Minetti - ihre klare Stimme ein kleistscher Sprachgesang -, wie es zur Gründung des skythischen Frauenstaates kam: Ein Überfall der Äthiopier hatte das „Prachtgeschlecht“ der Skythen ausgelöscht. Diese Erklärung gibt eigentlich Penthesilea erst in Auftritt 15. Aber die Vorwegnahme und auch Kürzungen erleichtern verstehendes Zuhören. Kleists von der karg-felsigen Szenerie herabrollende Sprachlawinen, dicht mit verschachtelten Sätzen, Bildern und Metaphern, sind noch anstrengende Kopfarbeit genug. Erst nach dem dritten, jeweils ja nur berichteten Zusammentreffen der beiden Kampf-Liebenden tritt Achill auf - und endlich bekommt die Inszenierung in Begegnung und Dialog auch sinnliche Körperlichkeit. Und der Zuschauer eine Ahnung von diesem grenzüberschreitenden Hass-Liebespaar. Achill ist bei Kleist ein Profi-Krieger sicherlich, aber ein Sekundär-Liebhaber, der erst zu fühlen beginnt, nachdem er Penthesileas Gefühl für ihn erkannt hat. Shenja Lacher spielt treffend ein in seinem Körper ruhendes etwas einfältiges junges Mannsbild, das an der Komplexität dieser jungen Frau total vorbei liebt. Die Zwänge, unter denen sie steht, verkennend, bietet er ihr einen Zweikampf an: um ihr zum Schein zu unterliegen. Und glaubt, dass sie ihn verschonen wird. Penthesilea kann nun nicht anders, als den Widerspruch ihrer Existenz aufzulösen: ihr Volk von seinem Hauptwidersacher zu befreien und sich dennoch als frei Liebende im Tod mit ihm zu vereinen. Sie tötet ihn. Wie in Trance und doch wissend. Kein Wunder, dass Goethe, der Schöpfer der pflichtbewussten, idealgeleiteten „Iphigenie“, diese irrationale, nicht-entsagende Kleist-Heldin verachtete.

Penthesileas gewiss schwer darzustellende Zwiespältigkeit kommt bei Lisa Wagner eher nur verbal zum Ausdruck. Aber man schaut ihr doch mit großem Respekt zu, wie sie sich ihre Rolle erkämpft: eine pragmatisch spröde Amazonenkönigin, in ihrem Willen zum Sieg auch manisch aufschäumend. Aber noch jungenhaft, noch nicht ganz Frau. Ihrem eigenen Gefühl gegenüber skeptisch, und die Initiative ihres ersten Kusses noch ein Experiment. Das ist stimmig, muss nicht vor Erotik triefen. Muss auch nicht das reife Pathos von Tragödinnen wie Gisela Stein oder Edith Clever haben.

Die Nebenrollen bekommen, da hat Hans-Joachim Ruckhäberle sich selbst geschadet, so gut wie keine Farbe. Um ein bisschen mehr Kontur ringt zumindest Amazone Stephanie Leue mit vehementem gestischem Einsatz. Von Zeit zu Zeit wird wohl eine nicht unangenehme sanfte minimalistische Musik zugespielt, die aber zur Atmosphäre nichts beiträgt.

Insgesamt wirkt der Abend etwas flächig, irgendwie „auf Sparflamme“. Immerhin hat Ruckhäberle, wenn schon kein Mann des fantasiebereiten Regie-Theaters, behutsam eine aktuelle Linie eingezogen: Seine Darsteller reden, bewegen sich nah am Heute. Und da blühen in manchen Szenen Humor und leise Ironie auf. Kleist lässt das durchaus zu. Und das Premierenpublikum nahm diese wirklichkeitsnahe Auflockerung mit entspanntem Lachen dankbar auf. Am Schluss wurden die ein, zwei unentschlossenen Buhs schnell wegapplaudiert.

Malve Gradinger

Nächste Vorstellungen am 1., 18. und 26. Oktober; Telefon 089/ 21 85 19 40.

Die Handlung

Schlacht vor Troja: Griechen wie Trojaner erhoffen sich, vergeblich, Hilfe von den herangezogenen Amazonen. Die wollen sich aber, parteilos, nur kraftvolle Jünglinge zwecks Nachwuchs erobern. Kriegsgott Mars entscheidet, wer wen zum „Rosen(Zeugungs)fest“ heimführen darf – nicht persönliche Wahl oder gar Liebe. Dagegen verstößt Amazonenkönigin Penthesilea, die für den Griechenhelden Achill entflammt ist. Und er für sie. Da der Geliebte ihr nur gehören kann, wenn sie ihn im Kampf besiegt und ihr bei einer Niederlage das Schicksal Hektors droht, jagt sie ihm einen Pfeil durch den Hals, stürzt sich wie im Rausch mit ihrer Hundemeute auf ihn, um ihn zu zerfleischen. Und stirbt ihm nach.

Die Besetzung

Regie: Hans-Joachim Ruckhäberle. Bühne: Helmut Staubach, Uwe Kuckertz. Kostüme: Ann Poppel. Licht: Gerrit Jurda. Darsteller: Lisa Wagner (Penthesilea), Stephanie Leue (Penthesileas beste Freundin Prothoe), Katharina Hauter (Meroe), Anna Riedl (Die Oberpriesterin der Diana), Shenja Lacher (Achill), Odysseus (Tobias Langhoff), Diomedes (Dennis Herrmann), Jennifer Minetti (eine Amazone), Rudolf Wessely (ein Grieche).

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