Bayerns Avantgardist

- Es war das Werkverzeichnis! Derartige gewichtige Schatullen kunstwissenschaftlicher Forscher- und Fleißarbeit sind in der Regel für den Normal-Genießer von Museen kaum von Interesse und darüber hinaus, in Buchform gegossen, ganz schön teuer. Für München wurde das Verzeichnis von Franz Marcs Oevre aber zum Wegbereiter einer umfassenden Retrospektive - einer faszinierenden, fabelhaften Ausstellung, das darf man jetzt schon sagen.

Die Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau wird damit die schönste und publikumswirksamste Schau dieses Jahres präsentieren. Vom 17. September bis zum 8. Januar 2006 werden rund 250 Arbeiten des bayerischen Malers und Mitbegründers der Künstlergruppe "Der Blaue Reiter" zu sehen sein. Sowohl die Lenbach-Villa wird bespielt als auch die unterirdische Halle. Um Platz zu schaffen, wird sogar die Kasse nach draußen verlegt.Das wird auch nötig sein, denn das Team vom Lenbachhaus plant gerade die größte Franz-Marc-Exposition, die es je gegeben hat. Das heißt auch, mit einem gewaltigen Publikumszustrom umzugehen. Man hat es dank der Detektivarbeit fürs Werkverzeichnis geschafft, die Hälfte von Marcs Gesamtwerk zusammenzutragen. Über hundert Leihgeber mussten dabei um Unterstützung gebeten werden - ein Großunternehmen, das nur mit Hilfe von e.on möglich war. Natürlich ist das Lenbachhaus als globaler Statthalter des "Blauen Reiter" prädestiniert dafür, solch eine Schau auszurichten. Zumal das Haus selbst ja traumhaft schöne Marcs besitzt.Innige Verbindung zum Tier"Franz Marc - Die Retrospektive" gehört also nicht in die Reihe hochgepushter Ausstellungsspektakel, die Kasse machen sollen - was durchaus legitim ist -, sondern ist das herrliche Ergebnis der Tradition des Lenbachhauses seit der "Blauer Reiter"-Schenkung von Gabriele Münter sowie einer konsequenten Pflege dieses Erbes. Sie findet vielfach im Verborgenen statt, aber nur durch sie sind dann lichtvolle, strahlende Ereignisse möglich. Solche waren zum Beispiel die großen Münter- und Kandinsky-Ausstellungen oder "Der Blaue Reiter und das neue Bild".Die nun vorbereitete Schau, die auch den 125. Geburtstag des Münchners Franz Moritz Wilhelm Marc am 8. Februar im Auge hat, übertrifft übrigens die berühmte Gedächtnis-Ausstellung von 1916. Marc war bei Verdun von einem Granatsplitter tödlich getroffen worden (90. Todestag 4. März 2006). Seine erschütterten Kameraden begruben ihn im Park von Schloss Gussainville. 1917 ließ ihn seine Witwe Maria auf den Friedhof von Kochel überführen. Die Schau von 1916, die viele im Zweiten Weltkrieg vernichtete Werke zeigen konnte, ehrte den Gefallenen - und einen höchst eigenständigen Künstler am Beginn der Moderne. Seine rasante Entwicklung vom soliden Realisten zu einem atemberaubenden Avantgardisten war brutal unterbrochen worden.Diesen Werdegang eines bayerischen Malers, der unter anderem auch durchs oberbayerische Land - er lebte auf der Staffelalm (bei Kochel), in Lenggries oder Sindelsdorf - zu einem modernen Künstler wurde, wird die Retrospektive nachzeichnen. Mit Gemälden, den von Marc so sehr geschätzten Aquarellen und Gouachen, mit Plastiken, Druckgrafik, Postkarten, ja sogar mit Kunstgewerbe. In Lenbachs Villa wird das Frühwerk von 1902 bis 1909/10 untergebracht sein. Was lernt einer, wenn er die Gemäuer der Akademie verlässt und auf einer sonnendurchfluteten Wiese malt? Und vor allem wenn er Tiere plötzlich ganz anders sieht?Im Kunstbau folgt dann als Höhepunkt das Panorama von Meisterwerken, die man in dieser Menge und Qualität nie mehr sehen wird. Was Franz Marc unter den Künstlern der Moderne so einmalig macht, ist seine innige Verbindung zum Tier: Die wird hier in ganzen Reihen, etwa von Pferdegruppen, ausgebreitet. Es wird deutlich werden, dass Tiere bei ihm weder pittoreske Staffage, noch Besitztum oder Spielzeug der Menschen sind. Marc bringt ihnen Respekt entgegen, wie es vielleicht die Höhlenmaler vor Jahrtausenden taten. Und er beweist, dass diese Haltung nicht primitiv-frühzeitlich ist; durch ihn ist sie klassisch und modern.

In loser Folge werden wir die Ausstellungsvorbereitung mit Beiträgen begleiten.

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