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Mit Schwung ins bairisch-türkische Musikabenteuer: Der elfjährige Franz singt wie ein „Zeiserl“ – und auch alle anderen Musiker der Unterbiberger Hofmusik können sich hören lassen (v. li.): Franz’ Mutter Irene Himpsl, seine Brüder Ludwig und Xaver (in der Hocke), Michael Engl und Papa Franz-Josef Himpsl. Foto:

Integration im Alltag

Bayerns bunte Musikerfamilie

Unterbiberg - Das ist Integration im Alltag: Die Unterbiberger Hofmusik verbindet in ihren Liedern bayerische und türkische Einflüsse.

Mit der türkischen Putzfrau fing alles an. Vor acht, neun Jahren – er kann gar nicht mehr genau sagen, wann – setzte sich Realschullehrer Franz-Josef Himpsl in einer Freistunde ans Klavier und spielte ein Lied aus einem Schulbuch. Ein türkisches Lied. Den Text verstand er nicht, doch die Melodie gefiel ihm. Genau wie seiner heimlichen Zuhörerin. Unbemerkt lauschte sie seinem Spiel – bis sie es nicht mehr aushielt, zu ihm kam und den Text zu singen anfing. Eine türkische Putzfrau der Schule.

Wenn Himpsl diese Geschichte heute erzählt, steigen ihm Tränen in die Augen. „Das war so rührend. Wir haben ganz spontan gemeinsam Musik gemacht.“ Eine Woche später kam die Frau wieder – zusammen mit zwei anderen türkischen Kolleginnen. So bildete sich ein lockerer Musikzirkel. Kulturaustausch im kleinsten Kreis.

So wurde Himpsls Idee geboren, bayerische Klänge mit der Musik des Bosporus zu verknüpfen. Nicht nur zum Privatvergnügen, sondern höchst professionell. Die Unterbiberger Hofmusik war geboren, bestehend aus Himpsls Frau Irene, den Söhnen Xaver (28), Ludwig (25) und Franz (11) sowie Tubist Michael Engl. Allesamt hochmusikalisch. Die beiden Älteren haben Musik studiert, spielen Horn, Schlagzeug, Percussion (Ludwig) und Trompete, Flügelhorn, Piccolo-Trompete (Xaver). Der Kleine übernimmt Horn und Bariton, außerdem singt er „wie ein Zeiserl“. Mutter Irene spielt Akkordeon, der Vater Trompete. 1995 nahmen sie ihre erste Platte auf: „Bajazzo“. Schon damals verbanden sie bayerische Musik mit internationalen Tönen: Der brasilianische Trompeter Claudio Roditi tat sich für dieses Projekt mit ihnen zusammen.

Und nun also Türkisch. Eine Idee, die auch bei der Politik ankommt: Im Jahr 2005 lädt das Goethe-Institut die Unterbiberger das erste Mal zu Konzerten in die Türkei ein. Vor zwei Jahren folgt dann ein Auftrag: In türkische Schulen zu gehen und den jungen Menschen dort die deutsche – in diesem Fall: die bayerische – Kultur näherzubringen. Wie macht man das? Um diese Frage zu beantworten, geht Himpsl ins Musikzimmer der Familie. Hier, im ersten Stock einer ehemaligen Schnapsfabrik, die sie sich zum Wohnhaus ausgebaut haben, kommen die Himpsls mehrmals am Tag zusammen und spielen. Manchmal bis tief in die Nacht – kein Problem, auf dem Anwesen in Unterbiberg im Landkreis München stören sie niemanden. Himpsl nimmt seine Gitarre in die Hand, fängt an zu spielen, beginnt, auf Türkisch dazu zu singen. Das Besondere: Die eigentlich fremde Musik scheint hier nicht fehlplatziert. Es ist Föhn, die Bergkulisse scheint zum Greifen nah, durchs Fenster sieht man den Kirchturm. „Schauen Sie sich die Turmspitze an, die Zwiebelform. Da haben Sie doch bereits die türkischen, die osmanischen Einflüsse auf unsere Kultur“, sagt Himpsl und ist schon mitten im Kulturunterricht. So funktioniert das: Die Gemeinsamkeiten entdecken, einander kennenlernen. Klingt simpel. Ist es auch. Wenn man es so gut macht wie diese bunte bayerische Musikerfamilie.

Und die Unterbiberger setzen noch eins drauf: Nur einfach in bayerischer Tracht türkische Lieder zu singen, das reicht ihnen nicht. Sie wandeln die Texte um. In bairische Wörter. Und die klingen zu den exotischen Klängen dann aufs Erste wie eine orientalische Fremdsprache. Damit gehen sie in die Schulen, der kleine Franz jr. vorneweg. „Wenn der mit seinen langen blonden Haaren da erscheint, und wir alle dabei mit unserer Tracht und unseren Instrumenten – da haben wir gleich die Aufmerksamkeit. Die Schüler machen sofort mit. Ein paar dürfen dann auf unserem Konzert mitspielen. Da kommen manchmal bis zu 400 Kinder, schauen uns beim Spielen zu und singen mit.“ Das Gleiche machen sie in Deutschland, auch hier: auf Bairisch und auf Türkisch.

So wirkt Musik auf unseren Körper

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Im vergangenen Jahr haben sie für ihre Integrationsarbeit von der Bayerischen Volksstiftung den „Konstitutionstaler“ erhalten. Für ihre Verdienste um die bayerische Verfassung. Zur Verleihung haben sie die Bayernhymne – exakt 100 Jahre nach ihrer Erstaufführung – gespielt und dazu die jüdische Hymne „Adon olam – Herr der Welt“. Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, war ebenso beeindruckt wie viele andere Persönlichkeiten aus Religion und Gesellschaft. Ein Reporter der „Hürriyet“ schrieb einen ganzseitigen Bericht. Der Zeitungsausschnitt hängt heute im Musikzimmer. Natürlich ist Himpsl stolz darauf. Doch gleichzeitig weiß er: Integration beginnt nicht auf hochoffizieller Ebene. Sondern dort, wo sich Menschen im Alltag begegnen. Seit drei Jahren lernt er Türkisch. Die Familie hat viele türkische Freunde gefunden. Und wenn er zu seinem türkischen Friseur geht, nimmt er immer seine Gitarre mit. Er unterhält den ganzen Salon. Auf Türkisch – und Bairisch.

Konzerthinweise

Die Unterbiberger Hofmusik ist am 7. Februar um 17 Uhr sowie um 20.30 Uhr im Fraunhofer Theater in München (Telefon 089/ 26 78 50) zu erleben. Am 25. Februar, 20 Uhr, sind die Musiker – bei freiem Eintritt – im Münchner Volkstheater bei der „Integrier-Bar“ zum NSU-Prozess zu sehen. Weitere Informationen unter www.unterbiberger.de.

Katja Kraft

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