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„Altersmilde ist mir nicht gegeben“: Liedermacher Hans Söllner tourt derzeit wieder durch Bayern.

Bayerns grantigster Sohn

München - Für seine neue Platte „Mei Zuastand“ ist Hans Söllner auf Schatzsuche gegangen – und begeistert auch live sein Publikum mit verrückten Tipps.

Er sitzt im Wirtshaus, im Trachtenjanker, und trinkt Kaffee mit heißer Milch. Ein bisserl matschig sieht er aus, er kommt g’rad aus dem Bett, vom Nachmittagsschlaf. Er ist viel rumgefahren in letzter Zeit. Von Oberbayern nach Schwaben, in die Oberpfalz und wieder zurück. „Wirtshaustour“ heißt das Ganze. Große Hallen mag er nicht mehr, er will zu den Leuten, hautnah. Mit ihnen lachen, traurig sein, schimpfen. „Ich mach das, weil’s im Wirtshaus gmiatlich is.“ Sagt er, der Söllner Hans. Der ewige Rebell. Der mit dem Marihuana. Der Liedermacher. Bayerns grantigster Sohn.

„Ich bin noch immer wuadig“, sagt er. „Altersmilde ist mir nicht gegeben.“ Sage und schreibe 55 Jahre ist er inzwischen alt, auf dem Cover seiner wunderbaren neuen Platte „Mei Zuastand“ schaut er aus wie ein in Würde gealterter Indianer, der schon ein paar Schlachten geschlagen hat, das Gesicht furchig, der Blick stechend.

„Mei Zuastand“ ist ein sagenhaftes Stück Musik geworden. Leise, melancholisch, ohne Krawall, fast zärtlich. Immer wieder geht es ums Küssen, die Liebe, den Tod. Viele Lieder sind schon 20 Jahre oder älter. Söllner ist auf Schatzsuche gegangen, hat vergessene und zeitlose Stücke geborgen. „Für mi gibt’s koa Hautfarb mehr/ und wenn mei Freind a Grieche is/ jo dann kriach i mit eam umanand/ bevor i mit dir aufrecht geh, fürs deutsche Vaterland“, singt er in „Hey wos is“, dem ersten Stück der Platte.

Im Begleittext schreibt er: „Oft müssen wir verletzen und beleidigen, um uns zu schützen, in all diesen Liedern geht es darum. Nur in einem geht es ums F*****, für die Ganzheit.“ So ein richtiger Söllner-Satz, eine gute Portion Lebensphilosophie, ein Stück Derbheit und Ehrlichkeit bis zum Anschlag. Das ist es, warum Söllner ein zeitloses Phänomen ist, warum im großen Saal des Wirtshauses „Hartl“ in Türkenfeld gerade der Hausfrauenstammtisch neben der Landjugend auf ihn wartet. Söllner kriegt sie alle.

Es ist die Tradition der alten Liedermacher, in der sich der gebürtige Bad Reichenhaller sieht, Hannes Wader, Bob Dylan, Fredl Fesl, „aber nach mir ist nix mehr gekommen“, sagt er. Söllner ist eine Ein-Mann-Widerstands-Gruppe. 300 000 Euro an Strafen hat er in seinem Leben schon bezahlt, weil er Polizisten, Gauweiler, Strauß und was ihn sonst noch so genervt hat, beschimpfte. Söllner ist Überzeugungstäter, er kann nicht anders. „Ich muss nicht gut sein“, sagt er, „sondern ehrlich.“ Was nervt, muss raus.

Gerade gibt es viel, über das er sich aufregen kann. Stuttgart 21, die Banken, Afghanistan, die Polizei sowieso. „Ich würd’ mir mehr zivilen Ungehorsam wünschen“, sagt er. „Aber die Leute sind ängstlicher geworden – nicht spießiger.“ Man habe heute viel zu verlieren. Den Studienplatz, den Job, das eigene Häuschen, die Frau: „Die Menschen haben Angst.“ Wenigstens an diesem Abend will er sie ihnen nehmen. Er geht in den Saal nebenan. 250 Leute warten schon. Der erste Tipp, den er ihnen gibt, noch vor dem ersten Lied. Sie sollen sich auflehnen, ein bisserl wenigstens. „Fahrt nüchtern Schlangenlinien, wenn Ihr die Polizei seht“, sagt er. „Dagegen gibt es keinen Paragrafen.“ Und: „Wenn’s Euch irgendwie ausgeht, dann fahrt’s Eure Kinder morgen erst nach der großen Pause in die Schule.“ Sollen die Lehrer doch warten.

Bayerns grantigster Sohn ist irgendwie auch der romantischste, elendig verliebt in die Freiheit, der alte Sturkopf.

Stefan Sessler

Hans Söllner:

„Mei Zuastand“ (Trikont).

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