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„An mir kommt keiner vorbei“: Dieses Foto entstand am 28. August 2008 – an diesem Tag feierte Wolfgang Wagner offiziell seinen Abschied als Festspielleiter.

Nachruf auf Wolfgang Wagner: Der Patriarch verlässt die Bühne

Bayreuth - Jahrzehntelang hat Wolfgang Wagner die Festspiele von Bayreuth geprägt. Jetzt ist der streitbare Alleskönner gegangen – er starb mit 90 Jahren. Mit seinem Ableben endet nun die Ära der großen Theater-Prinzipale.

Schon die Berufsbezeichnung bereitete Kopfzerbrechen. Intendant? Festspiel-Chef? Nachlassverwalter seines Großvaters? Offiziell hieß es „Geschäftsführer“ der von ihm selbst ins Leben gerufenen und jahrzehntelang dominierten Festival-GmbH. Nein, Wolfgang Wagner lässt sich nicht auf eine dieser Funktion verengen. Er war alles zusammen – und noch viel mehr. Ein Alleswisser, Alleskönner und Allesbeweger, wenn es um Bayreuth ging, ein berufsmäßiges Familienoberhaupt an der Spitze der deutschen Ersatz-Royals, folglich der letzte bundesdeutsche Dynast.

Mit dem Tod Wolfgang Wagners, der am Sonntag im Alter von 90 Jahren „friedlich eingeschlafen“ ist, wie seine Tochter Katharina berichtet, endet nicht nur der bedeutendste Abschnitt der Bayreuther Geschichte, sondern auch die Ära der Prinzipale. Jener großen Theatermänner, die nicht nur verwalten, sich gern auch mittels ihres Kunstbetriebs selbstverwirklichen wollen, sondern die nur für und mit ihrem Theater existieren.

"Ich rede mit gar nix - oder mit allem"

„An mir kommt keiner vorbei“, hat Wolfgang Wagner einmal im Interview mit unserer Zeitung gesagt. Was für Bayreuth bedeutete: Der Enkel Richard Wagners wusste alles auf und um den Grünen Hügel herum, ohne ihn durfte zu seinen besten Zeiten nichts funktionieren. Oft schien es, als ob mehrere Wolfgang-Klone in den Gängen des Festspielhauses, hinter und neben der Bühne sowie in den Büros unterwegs waren. Am 25. Juli stand der Omnipräsente stets zur Festspiel-Eröffnung unterm Portikus des hohen Hauses, hieß die Prominenz willkommen. Aber auch sonst konnte es verdutzten Hügel-Besuchern widerfahren, dass plötzlich ein gedrungener Mann mit schlohweißem Haar quasi aus dem Gebüsch auftauchte, eilig die Straße überquerte – und doch Zeit für ein Winken oder Schwätzchen hatte.

Dabei blieb Wolfgang Wagner für seine Umgebung manchmal der lästige Kontrollator – kein Schraubenkauf, kein Nebenrollen-Vorsingen ohne ihn. Doch er sorgte damit für keine „Big-Brother“-Stimmung, sondern für eine weltweit einzigartige Atmosphäre. Bayreuth, das bedeutete für Dirigenten, Sänger, Musiker, Choristen, technisches Personal, Verwaltungsangestellte und Journalisten nicht nur den künstlerischen Ausnahmezustand, sondern war alljährlich wie ein sommerliches „Heimkehren“ nach Oberfranken. Eine Heimkehr zur Familie, auch wenn da nicht nur ein liebender Chef, sondern manchmal auch ein unwirscher, seine Umgebung abkanzelnder Patriarch wartete. Für sein schnarrendes „Herrschaften“, mit dem Wolfgang Wagner seine Einlassungen begann, war er berühmt. Und seine Pressekonferenzen, in denen er Berichterstatter schlagfertig auflaufen ließ und willige Weltstars auf Wortzuteilungen warteten, waren oft besser, nervenaufreibender als das, was sich am Abend auf der Bühne tat.

Man sah’s ihm nach, eben weil sich Wolfgang Wagner nie eitel in Szene setzte. Alles zum Wohle Bayreuths, dieser unausgesprochene Leitsatz stand hinter dem Tun dieses Unabhängigen. Sein Credo war dabei so pragmatisch wie hintergründig: „Ich rechne mit gar nix oder mit allem“, sagte er einst im Interview mit unserer Zeitung. Und: „Ich kann mich doch nicht nach einer eventuellen Resonanz richten!“

"Zwei gleich Gute gibt's nicht - einer ist immer besser"

Gerade Letzteres führte dazu, dass Bayreuth sich nicht auf die alljährliche Weihefeier beschränkte. Unter Wolfgang Wagners Ägide wurden die härtesten, wildesten, lautstärksten Besucher-Kämpfe ausgetragen. Er war es, der Götz Friedrich für einen heiß umstrittenen „Tannhäuser“ nach Bayreuth holte. Er war es auch, der den opernunerfahrenen Patrice Chéreau für eine anfangs angefeindete, epochale Inszenierung des „Ring des Nibelungen“ engagierte.

Wenn Wolfgang Wagner über seine Bayreuther Ära nachsann, dann fiel gerade der Name Chéreau immer wieder, er schien sich über diesen „Ring“ förmlich zu definieren. Dem Festspielleiter war bewusst, dass Bayreuth die künstlerische Öffnung brauchte – und auch, dass seine eigenen Inszenierungen nie damit Schritt halten konnten. Schon sein erster „Ring“, der auf die legendäre Deutung seines Bruders Wielands folgte, zitierte hilflos dessen Inszenierung. Wielands „Welten-Scheibe“, auf der alles spielte, war bei Wolfgang geteilt, segmentiert, zerbrochen – was Psychoanalysten als zerstörerische Auseinandersetzung mit dem künstlerisch Begabteren deuteten. „Wir wurden immer gegeneinander ausgespielt“, kommentierte Wolfgang Wagner Jahrzehnte später knapp und mit leidlich bewältigter Bitternis. „Zwei gleich Gute gibt’s nicht, einer ist immer besser.“ Möglich aber auch, dass der kreuzbiedere Charme von Wolfgang Wagners Arbeiten auch ein wenig Kalkül war: Denn an diesen braven Abenden durften sich schließlich vom Regietheater verstörte Wagnerianer wärmen.

Dass er Inszenierungen zuließ, die seinen ästhetischen Grundsätzen widersprachen, ist also eine große Lebensleistung Wolfgang Wagners. Die größte aber ist, dass er Bayreuth nicht nur finanzielle Sicherheit bescherte, sondern es auch fit machte fürs 21. Jahrhundert. Gerade deshalb war der Prinzipal moderner, zukunftsorientierter, als es mancher wahrhaben wollte.

Markus Thiel

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