Bayreuth auf den Pelz gerückt

- Trockeneisschlacht inklusive Virtuoses auf der Licht-Klaviatur: Muss ja nicht sein. Aber etwas mehr hätte man sich schon erwartet vom Ende des "Rheingolds", wenn Streicher aufgischten und sich Bläser zum Dezibel-Triumph bäumen. Im Passionsspielhaus zu Erl bleibt Wotan, Loge und den Rheintöchtern nur der Gang ins hübsch beleuchtete Orchester: Die Musik hat also auch szenisch das letzte Wort - was an diesem Wagner-Abend eine gewisse Logik entfaltet.

<P>Drumherum idyllt das Inntal, im Saal Regie-Reduktion, Requisiten aus dem Baumarkt oder aus benachbarten Bauernhöfen, augenzwinkernde, nie polternde Gags und ein erstaunliches musikalisches Niveau: Das ist auch heuer das Rezept der Tiroler Festspiele, die - nach fünfjährigem Schmieden - Wagners "Ring des Nibelungen" erstmals komplett präsentieren. Der Clou bleibt das Arrangement im Passionsspielhaus. Das Orchester sitzt, durch Gaze getrennt, auf der Hinterbühne, davor - und damit größte Intimität zum Publikum erzeugend - die Solisten. Ergebnis: Die Akustik, eine perfekte Mischung aus Detailhörbarkeit und sattem Gesamtsound, sucht ihresgleichen.<BR><BR>Viele der Solisten übrigens auch. Schon das wohlklingende Rheintöchter-Trio (Akiko Hayashida, Junko Saito, Taeko Hino) gehört auf die Pflichtliste jedes Sänger-Agenten, ebenso die ausstrahlungsstarke Erda (Svetlana Sidorova) plus Edel-Fasolt Xiaoliang Li. Duccio Dal Monte, ein Wotan als mafioser Macho, verließ sich vor allem aufs Ausstellen seiner Orgeltöne, darstellerische Lockerheit dürfte sich in den kommenden "Ring"-Teilen einstellen. Aber vielleicht räumte er nur das Feld für den Star: Francisco Araiza gab den Loge mit vokalem Florett, großer, nuancenreicher Präsenz und satter Portion Italianità` - der Beweis, dass die Rolle nicht nur expressiv deklamiert, sondern tatsächlich gesungen werden kann.<BR><BR>Erls König Gustav Kuhn, Dirigent, Festivalchef und Regisseur, bot szenisch eine schlackenlose, leicht ironische Erzählung: die Rheintöchter auf mobilen Klappleitern, Wotans in schicker Trendmode zwischen Korbmöbel-Ambiente, Alberich an der Werkbank. Dazu lässt er, ganz Partitur-gerecht, 18 Amboss-Spieler im Parkett aufmarschieren und die Dorfkinder als Nibelungen aufkreischen. Eine Ohrenweide ist das Festspiel-Orchester, das Kuhn auf einen weichen, sämigen, nie knatternden Wagner-Ton eingeschworen hat. Das Inntal-Dorf rückt Bayreuth auf den Pelz: 2004 bietet Kuhn noch einmal den doppelten "Ring" - falls ihn, Gott behüte, nicht die Sponsoren verlassen.</P><P>Für die übrigen Teile des ersten "Rings" gibt es noch Karten, der zweite Zyklus ist ausverkauft (Tel. 0180/  598 19 81).<BR></P><P> </P><P> </P><P> </P><P><BR> </P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

DJ Paul Kalkbrenner in der Münchner Muffathalle: Die Konzert-Kritik
Am Freitagabend ist DJ Paul Kalkbrenner in der Münchner Muffathalle aufgetreten. Hier lesen Sie die Konzert-Kritik.
DJ Paul Kalkbrenner in der Münchner Muffathalle: Die Konzert-Kritik
Kammerspiel-Abend für Deniz Yücel
Journalisten, Schauspieler und Kulturschaffende lesen in den Münchner Kammerspielen Texte des inhaftierten Deniz Yücel. 
Kammerspiel-Abend für Deniz Yücel
Chris de Burgh in der Philharmonie: Ein lieber netter Kerl
Schlechte Nachrichten für alle, die glauben, Chris de Burgh könne nur die Schnulze „Lady in Red“, das im Radio rauf und runter genudelt wird.
Chris de Burgh in der Philharmonie: Ein lieber netter Kerl
Comic Con München: Diese „Game of Thrones“-Stars sind dabei
Dieses Jahr findet die Comic Con in München statt. Zum ersten Mal kommt die Comic-Messe damit auch nach Bayern. Welche Stars kommen und wo sie stattfindet, erfahren Sie …
Comic Con München: Diese „Game of Thrones“-Stars sind dabei

Kommentare