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Rattiger „Lohengrin“: Die Inszenierung von Hans Neuenfels (mit Klaus Florian Vogt und Annette Dasch) hat bereits Kult-Charakter – und fast ikonographische Wirkung entfaltet.

Bayreuther Festspiele: Besser als ihr Ruf

Bayreuth - Zu viele Amigo-Karten, die Affäre um einen Hakenkreuz-Sänger: Die Bayreuther Festspiele müssen viel Kritik einstecken. Kurz vor Verhandlungen über eine Vertragsverlängerung wird klar: Das Festival ist besser als sein Ruf.

Als der Alte noch auf dem Hügel aktiv war, unversehens bei Proben auftauchte oder aus dem Gebüsch zwischen Wohn- und Festspielhaus hervortrat und die Besucher überraschte, waren das goldene Zeiten. Sänger, Choristen, Musiker, Technikteam, sie alle kamen auch wegen Wolfgang Wagner, dem letzten, omnipräsenten, einschüchternden Prinzipal alter Schule. Mit seinem Tod im März 2010 endete unwiderruflich die „klassische“ Bayreuth-Ära. Katharina Wagner und ihre Halbschwester Eva Wagner-Pasquier müssen daher mit dem größten anzunehmenden Problem für den Hügel kämpfen: Bayreuth normalisiert sich – und leidet damit automatisch an grassierendem Nimbus-Verlust.

Aufwiegen lässt sich das unter anderem nur mit künstlerischem Erfolg. Und die Bilanz am Ende der Saison 2012 sieht – entgegen anders tönendem Unken – recht gut aus. Wonach sich andere Intendanten strecken, in Bayreuth wurd’s tatsächlich Ereignis. Mal abgesehen von Sebastian Baumgartens „Tannhäuser“-Unfall (das passiert auch anderen Häusern): Zu erleben ist am Hügel eine multiperspektivische, also sehr erhellende Beleuchtung des Œuvres von Richard selig. Angefangen vom neuen „Fliegenden Holländer“ in der zurückhaltenden Befragung Jan-Philipp Glogers über Katharina Wagners 2011 „entsorgte“, widerhakige „Meistersinger“ und Christoph Marthalers hintergründigem „Tristan“ bis zu den Vorzeigeproduktionen. Das sind Stefan Herheims sprachlos machender „Parsifal“-Wurf und Hans Neuenfels’ Ratten-„Lohengrin“, dessen hochassoziative Bilder schon ikonographische Wirkung entfalten.

Und auch die Dirigenten-Riege taugt zum Wuchern. Als da wären Christian Thielemann (der wohl mindestens bis 2022 am Hügel aktiv ist), Andris Nelsons, Philippe Jordan, Altmeister Peter Schneider und ab 2013 „Ring“-Maestro Kirill Petrenko, der sein neues Wirkungsfeld in diesem Sommer schon in Ohrenschein genommen hat – sei es, dass er bei den Kollegen im Graben saß oder als „Normalhörer“ im Parkett.

Der „Ring“, ja, das bleibt die Bayreuther Achillesferse. Tankred Dorsts Versuch, noch von Wolfgang Wagner eingefädelt, ging gründlich schief. Und vor Frank Castorf, der 2013 das Mammutwerk inszeniert, gruseln sich nicht nur die Orthodoxen. Wobei Entscheidendes ausgeblendet wird: Die Großtat des alten Berliner Theaterhasen könnte schließlich auch klappen.

Nicht unbedingt festspielwürdig, also im Wagnerfach konkurrenzlos sind die Sängerbesetzungen. Und damit wäre man beim Wirkungsbereich von Eva Wagner-Pasquier. Adrienne Pieczonka, Klaus Florian Vogt, Kwangchul Youn, diese Namen stechen heraus, dann kommen noch einige hochachtbare Solisten – und schon wird es dünn und sehr alltäglich.

Woran es noch hakt auf dem Hügel, das ist das Krisen-Management. In der Affäre um Sänger Evgeny Nikitin und seine Vorliebe für ein Hakenkreuz-Tattoo machten die Bayreuth-Schwestern keine gute Figur. Dass auch noch zwei Tage nach Nikitins Herausdrängen Jonathan Meese als „Parsifal“-Regisseur für 2016 enthüllt wurde, jener Provokateur, der mit brauner Symbolik lustvoll jongliert, ist ein Kommunikationsdesaster.

Ohnehin war die Stimmung in den Büros und auf den Gängen des Festspielhauses schon besser. Das Verhältnis von Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier hat wenig von inniger Geschwisterliebe. Ohnehin, so wird kolportiert, spekuliere Katharina Wagner, die schon jetzt wie die einzige Chefin wahrgenommen wird, auf die Alleinregierung. Auch diese Situation wird eine Rolle spielen, wenn sich demnächst der Stiftungsrat mit einer Vertragsverlängerung über das Jahr 2015 hinaus befasst. Beide Chefinnen haben signalisiert, dass sie weitermachen wollen. Denkbar sind freilich auch ganz andere Lösungen.

Katharina Wagner dürfte in Bayreuth eine bestimmende Gestalt bleiben. Schon allein, weil das Festival mit dem Familiennamen verknüpft bleiben muss. Und weil sich in den anderen „Stämmen“ noch keine geeignete Person gefunden, geschweige denn beworben hat. Die Personalie Nike Wagner hat sich, auch wenn die Wieland-Tochter ihr Weimarer Kunstfest abgibt, wohl erledigt. Warum also nicht einen „Auswärtigen“ berufen?

Deutlich ist in den vergangenen Jahren geworden, dass Katharina Wagner ein helfender, starker Konterpart guttun würde. Damit könnte ihr der Rücken frei gehalten werden für künstlerische Aktivitäten, auch für die Ambition, Bayreuth zu öffnen – mit einer Vergangenheitsbewältigung einerseits, mit einer medialer Offensive inklusive Live-Übertragungen andererseits.

Schon einmal, in der Ära Winifred Wagner, gab es diese Lösung. Heinz Tietjen, damals Leiter der staatlichen Opernhäuser in Berlin, stand der Witwe Siegfried Wagners zur Seite. Auch auf dem derzeitigen Opernmarkt ließe sich eine solche Figur finden, vielleicht sogar unter den aktiven Intendanten. Im Regelfall bringt Bayreuth schließlich pro Jahr nur eine Neuproduktion heraus. Und ein solcher Arbeitsaufwand ließe sich ohne Infarktgefahr neben dem Hauptjob stemmen...

von Markus Thiel

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