+
Herausragende Rollenporträts: Anja Kampe als Sieglinde und Johan Botha als Siegmund.

Ein Liebkosen der Partitur

Bayreuther Festspiele: „Die Walküre“

Bayreuth - Kirill Petrenko bringt das Orchester am Grünen Hügel auch bei 40 Grad im Graben zu höchster Kunst. Lesen Sie die Kritik aus Bayreuth:

Die wahren Helden dieses „Rings“ heißen nicht Siegmund und Siegfried. Da gibt es zum Beispiel diesen Barkeeper-Tankwart im „Rheingold“. Einer, der fürs wilde, böse Geschehen nicht mal ein Achselzucken übrig hat und an dessen Tresen man doch gerne mal einen Abend verbringen möchte. Eine stumme Partie. Ebenso wie der Truthahn im ersten Akt der „Walküre“. Sicherheitshalber steht er im Mini-Stall, „trutet“ nicht, macht auch sonst keinen Laut und ist im zweiten Akt verschwunden. Wahrscheinlich ist er auf dem Teller von Tenor Johan Botha gelandet – nur böse Premierengäste sagen so etwas.

Die Handlung

Um seine Herrschaft zu sichern, hat Wotan folgende Pläne: Seine Töchter, die Walküren, bringen tote Helden nach Walhall, um sie als Armee einzusetzen. Außerdem zeugte Wotan die Zwillinge Sieglinde und Siegmund, Letzterer soll Wotan den Ring zurückgewinnen. Siegmund und seine Schwester verlieben sich ineinander, obwohl Sieglinde mit Hunding verheiratet ist – was Fricka, Wotans Frau und Hüterin der Ehe, gar nicht gefällt. Auf ihr Geheiß muss Siegmund fallen. Die Walküre Brünnhilde will dies verhindern. Zur Strafe versetzt sie der Vater in Dauerschlaf.

Und dann gibt es ganz viele Helden, die man nicht sieht. Drunten im Bayreuther Graben, wo sich die Temperatur der 40-Grad-Marke nähert. Ob es 2003 oder doch ein paar Jahre später war, darüber wird in den Pausen ums Festspielhaus gerätselt. Fest steht jedenfalls: Eine solche heiß-stickige Premiere gab’s lange nicht mehr. Und die Helden des Festspielorchesters spielen so, als kratze sie das kaum.

Eine lange Wegstrecke haben sie mit Kirill Petrenko zurückgelegt. Unmut gab es anfangs, wie erzählt wird, über seine penible Art zu proben, zu puzzeln, zu feilen. Kennen wir doch alles, sagte sich mancher, haben wir immer anders gespielt. Um mit einem Blick in die Noten festzustellen: Der Mann könnte Recht haben. Und jetzt, in der „Walküren“-Premiere, fügt sich alles. Das Vorspiel, diese hämmernden Streicherfiguren sind ein Klanggewitter in HD-Qualität. Wenn sich Siegmund und Sieglinde finden, ist eine wundersame Zärtlichkeit zu vernehmen, ein Liebkosen der Partitur, reinste Kammermusik, die sich weiten und öffnen kann, sich stufenlos andere Dimensionen erobert.

Überhaupt ist frappierend, wie natürlich diese „Walküre“ vorbeizieht. Nie gibt es ein „Hört her“, ein Musizieren mit Ausrufezeichen. Alles, was wichtig ist, das ist einfach da. Wenn es ans Pathos geht, am Ende, bei Wotans Abschied, lässt Petrenko auch mal los, dann entwickelt sich ein Klang, dicht, weit und groß, mehr für den Bauch als fürs Hirn, der sich nur hier, in dieser Wunderakustik ereignen kann.

Und wenn es leise sein muss, weil es Wagner ja notiert hat, in Siegmunds „Winterstürmen“ oder in Brünnhildes „Todverkündigung“, dann wird alles extrem zurückgefahren. Kein Sänger muss sich anstrengen, der reinste Liederabend. So ungewöhnlich mag das für manche sein, dass sich die im zweiten Akt ganz feinsinnige Catherine Foster im Pausenapplaus Buhrufern stellen muss. Beim Debüt als Brünnhilde in einem solchen Haus – so etwas ist ziemlich ungehörig.

Die Besetzung

Dirigent: Kirill Petrenko. Regie: Frank Castorf. Bühne: Aleksandar Deni(´c). Kostüme: Adriana Braga Peretzki. Video: Andreas Deinert, Jens Crull. Darsteller: Johan Botha (Siegmund), Franz-Josef Selig (Hunding), Wolfgang Koch (Wotan), Sieglinde (Anja Kampe), Catherine Foster (Brünnhilde), Claudia Mahnke (Fricka) u.a.

Gewiss: Vieles ist anders an dieser Sängerbesetzung. Catherine Foster kann stählern aufdrehen bei den „Hojotohos“. Aber entscheidend ist auch, wie entspannt sie ihre hochdramatische Stimme fluten lassen kann. Wie nichts im Piano verpresst wird und wie sie dann doch unforcierte Kraft hat für große Ausbrüche. Zwei, drei Dinge liegen etwas neben der Spur, aber das wird sich noch geben. Auch Wolfgang Koch mag das Erdige, Erzene fehlen. Sein Wotan ist kein Gebieter, sondern ein Gebrochener. Einer, der mit fahlen Klängen um Fassung ringt, den Monolog aus grauer Singdeklamation gestaltet, auch mal vokalcholerisch aus der Haut fährt: Steht’s bei Wagner nicht genau so geschrieben? Claudia Mahnke hält wenig vom Fricka-Gekeife, ist ganz verletzliche Frau, Franz-Josef Selig der zu allem entschlossene Hunding, aber keine Karikatur. Johan Botha gibt einen Siegmund mit solch wunderbar aufblühender Heldenwonne, dass man seine Körperlichkeit (fast) vergisst. Sieglinde räumt am meisten ab: Anja Kampe ist mehr aus auf flackernde Entäußerung, schonungslos, das überrumpelt einfach. Vielleicht ist man aber auch froh: Dank der Kampe tut sich was.

„Konzertant“ wird (zu) häufig über Nicht-Inszenierungen gelästert, hier, bei Frank Castorf, trifft es vollumfänglich zu. Seine „Walküre“ spielt vor dem „Rheingold“, in den Fünfzigerjahren. Nun in einer riesigen Farm mit Bohrturm und Scheune, aus der Bühnenbildner Aleksandar Deni´c einmal eine Ölförderpumpe an die Rampe fahren und über den Graben ragen lässt. Das Ding bewegt sich, und man bekommt Angst, ob nicht irgendwann Petrenko dranhängt.

In Aserbaidschanisch steht allerhand auf Dach und Front, Ölrausch also nicht nur in Texas wie im „Rheingold“, sondern auch im Osten. Die Walküren (die teilweise dürftig singen) spielen Kostümfest, Fricka scheint einer „Aida“ entlaufen. Jedes Mal, wenn wieder eine Leinwand entrollt wird, stöhnt es im Publikum auf. Videos als Zusatzerhellung, manchmal als amüsante Konterkarierung, meist aber als Regie-Ersatz. Hundings Albträume nach dem Schlaftrunk werden gezeigt. Und während Siegmund den Wonnemond besingt, mampft eine Frau Sahnetorte – süßes Geschenk Wotans an Erda?

Öl als schwarzes Gold unserer Zeit: Was dies alles mit der „Ring“-Geschichte zu tun hat, warum diese Figuren gerade hier und jetzt aufeinander treffen, dass Wotan in einem verzweifelten Plan um Befreiung ringt und dafür seinen Sohn opfert, das alles scheint Castorf egal. 275 Seiten hat, so erzählt er selbst, sein Bayreuther Vertrag: Fehlt etwa der Paragraph mit dem Regieführen?

Markus Thiel

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Mega-Cooler Kultseniorenabend! Neil Diamond in der Oly-Halle
Kontrastprogramm zur Wiesn: Am Donnerstagabend hat Neil Diamond die Olympiahalle mit seiner Coolness beehrt. Eine Kritik.
Mega-Cooler Kultseniorenabend! Neil Diamond in der Oly-Halle
Der Mut-Lacher
Mit „Monsieur Claude und seine Töchter“ gelang Philippe de Chauveron ein Riesenerfolg. Nun setzt de Chauveron einen drauf: In „Hereinspaziert!“ übernimmt Christian …
Der Mut-Lacher
Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Sting hat in seinem Musikerleben Songs geschrieben, die heute noch so gut funktionieren wie 1983 oder 1995. Davon macht er in der Olympiahalle Gebrauch - und seine Fans …
Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Im Lenbachhaus geht der Punk ab
Das Münchner Lenbachhaus zeigt in der Ausstellung „Normalzustand“ deutsche Undergroundfilme, die zwischen 1979 und den frühen Neunzigerjahren entstanden sind. 
Im Lenbachhaus geht der Punk ab

Kommentare