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Erlöst dank ewiger Treue: Szene aus der „Holländer“-Neuproduktion mit Adrianne Pieczonka (Senta) und Samuel Youn (Titelrolle), die gestern Abend Premiere hatte.

Bayreuther Festspiele: Das ist der Hummer

Bayreuth - Überschattet von der Affäre um den Sänger Evgeny Nikitin haben am Mittwoch die Bayreuther Festspiele begonnen. Wenige Stunden vor der Premiere des „Fliegenden Holländers“ nahmen die Wagner-Schwestern dazu Stellung.

Vielsagender können Pausen nicht sein. Ob denn Evgeny Nikitin am Grünen Hügel eine zweite Chance bekomme, wird Eva Wagner-Pasquier gefragt. Lange, sehr lange Sekunden der Stille. Dann: „Ich möchte... Äh, es tut mir leid... Ich finde ihn einen großartigen Sänger... Im Moment ist das nicht zu beantworten.“

Da konnte sich Regisseur Jan Philipp Gloger noch so sehr ins Zeug legen: Die Debatte um den russischen Bariton, dem sein früheres Hakenkreuz-Tattoo ein Festspieldebüt verhinderte, bestimmte die Pressekonferenz der Festspiele. „Wir müssen uns jetzt auf die Neuinszenierung konzentrieren, die ich eineinhalb Jahre zu meinem Lebensmittelpunkt gemacht habe“, forderte Gloger – vergeblich.

Die Festspielleiterinnen: Eva Wagner-Pasquier (li.) und Katharina Wagner.

Eva Wagner-Pasquier und Katharina Wagner bleiben jedenfalls bei ihrer Darstellung.Von Rausschmiss keine Rede, Evgeny Nikitin habe aus freien Stücken abgesagt. Die Details, die sie über die Vorgänge am vergangenen Samstag preisgaben, verrieten indes viel von den merkwürdigen Umständen um diese Absage. Da gab es offenbar einen russischen Bariton, kaum des Englischen mächtig, mal im Zweiergespräch mit Eva-Wagner Pasquier, mal im Dreiergespräch noch mit Halbschwester Katharina Wagner, allerdings keinen Dolmetscher. Zwischendurch telefonierte Nikitin mit seiner Agentin – eine für alle Seiten befriedigende, tiefgehende Aussprache?

Gloger betonte, dass sich Nikitin während der Probenzeit nichts zuschulden kommen ließ. „Professionell und außerordentlich spannend“ sei diese Zusammenarbeit gewesen. Dass Einspringer Samuel Youn so gut sei, dies habe er gar nicht geahnt. Und dass die Festspiele ein Jahr vor der Premiere bei Nikitin Fotos seiner Tattoos angefordert hatten, habe einen ganz anderen Grund, sagte Katharina Wagner: Für die Rolle wollte man keinen tätowierten Arm. Man habe daher abklären müssen, wie der Arm überschminkt werden könnte.

Ein Skandal also? Das nicht, aber ein Schatten auf dem Premierentag. Versöhnung bot da eine andere Tradition: „Wagner für Kinder“, fortgesetzt mit der mittäglichen Premiere der „Meistersinger von Nürnberg“ auf der Probebühne neben dem Festspielhaus. Das Stück ist nicht nur im Original knifflig, erst recht in der abgespeckten Nachwuchsversion. Kunstdiskurs mit angeschlossener Liebesgeschichte, da neigte manch jugendlicher Gast zum Schwätzchen oder griff zum iPhone, um alles festzuhalten. Die Eindampfaktion von fünf Stunden auf 70 Minuten funktioniert dennoch. Alles drin. Und viel hinreißende Details, vor allem dank des Kinderchores, der zum Vorspiel mit Kreide eine Nürnberg-Silhouette auf die Wände krakelt – eine wunderbare Idee auch für „große“ Inszenierungen.

Dirigent Hartmut Keil und das Brandenburgische Staatsorchester Frankfurt/Oder kommen sehr gut mit dem Best-of zurecht. Gestandene Solisten wie Jukka Rasilainen (Sachs) oder Ralf Lukas (Beckmesser) wurden gebucht. Eva-Maria Weiss steuerte eine verspielte, bescheidene Regie bei – und konnte doch ein Problem nicht verhindern: Wo weite Strecken des gesungenen Textes kaum zu verstehen sind, da ist den Kindern Wagners einzige Komödie herzlich wurscht. So wie Stunden später den Großen die Hummersemmel, die für 7,50 Euro ab sofort dem traditionellen fränkischen Bratwurst-Doppel Konkurrenz machen soll. Zur Kulinarik noch ein Tattoo als Abendgespräch. Doch gut möglich, dass bald Fortsetzung droht: Jonathan Meese, künftiger „Parsifal“-Regisseur, ward mit Hitler-Gruß fotografiert. Kunst oder nicht – ein Gespräch im Bayreuther Schwesternzimmer ist wohl fällig.

Markus Thiel

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