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Norbert Ernst und Burkhard Ulrich

Bayreuther-Festspiele

"Rheingold"-Inszenierung: Motel Halb-Garni

Bayreuth - Buh-Rufe für Frank Castorfs „Ring“-Auftakt in Bayreuth: Seine Inszenierung des „Rheingolds“ ist beim Publikum der Wagner-Festspiele am Freitagabend nicht gut angekommen. Als der Vorhang fiel, brachen hier und da Proteststürme los, „Bravo“-Rufe gab es nur vereinzelt.

Das ist einer der Orte, an den man nie geraten will. An der legendären Route 66 liegt er zwar – aber was für ein heruntergekommenes Etwas. Schwiemeliges Motel, Tankstelle, ein Swimmingpool, eine Bar mit (stummem) Keeper, der einmal mit Zigarette enervierend nah über ausgelaufenes Benzin schlurft. „Golden Motel“ nennt sich der Laden, doch nach wenigen Sekunden ist klar: Das ist nicht mal Katzengold, was da schmutzt.

Und es ist einer der Orte, an dem weite Teile des Bayreuther Premieren-Publikums nie Halt machen wollen. Buhs und Pfiffe direkt nach dem Schlussakkord von Wagners „Rheingold“ am Freitagabend, doch der Adressat zeigte sich nicht: Regisseur Frank Castorf, das ist manchmal Hügel-üblich, dürfte sich seinem Buhsturm erst nach der „Götterdämmerung“ aussetzen.

Ein Skandal? Ach was. „Rheingold“, Wagners germanische Komödienstadelei, wirbt ja gerade um Bizarrhumoristen wie Castorf, da können sich selbst die orthodoxen Wagnerianer manch Grinsen nicht verkneifen: Alberich, der an einer phallischen Bratwurst lutscht, sich dann mit Senf beschmiert. Die Rheintöchter als leichte Lustmädels. Die Riesen als Krawallos mit Baseballschläger und Eisenhaken. Schließlich Erda als Pelzdiva, die nach ihrer Mahnung von Wotan lange Takte geknutscht wird. Zu sehen ist das alles hautnah. Castorf lässt die Handlung filmen, Details vergrößern und vergröbern – und provoziert damit einen dummen Pawlow’schen Reflex für Fernsehverseuchte: Man starrt auf die Leinwand, was live darunter passiert, interessiert kaum mehr.

Die Handlung

Alberich verflucht die Liebe und gerät so in Besitz des Rheingolds. Daraus schmiedet er einen Ring, der maßlose Macht verleiht. Sein Gegenspieler ist Wotan, der sich, als er die Riesen Fasolt und Fafner für den Bau seiner Burg bezahlen muss, bei Alberich bedient: Er raubt das Gold, um es den Riesen zu geben – und nimmt sich den Ring für den Eigenbedarf.

Alberich verflucht den Ring. Die Riesen verlangen auch diesen Zauberreif, auf den Wotan, von Erda ermahnt, verzichtet. Der Ring fordert sein erstes Opfer: Fafner erschlägt Fasolt.

Ein bisschen Tarantino ist dieses neue „Rheingold“, etwas „Pate“, manchmal auch ein Gruß aus Helge Schneiders Absurdistan. Die Drehbühnen-Tankstelle von Aleksandar Deni(´c) ist eine Augenweide – und zugleich eine akustische Zumutung: Pferchen sich die Solisten oben im ersten Motelstock ins enge Zimmer, werden die Stimmen weggeschluckt. Wer sich Gehör verschaffen will, muss sich folglich aus dem Fenster lehnen, Regie findet da kaum mehr statt. Überhaupt wirkt vieles so, als habe Castorf sein Personal mit einem bloßen „Macht mal!“ angepflaumt. Einige wie Wolfgang Koch, der mit hellem, schmal kanalisierten Bariton einen untypischen Wotan singt, haben an einer Inszenierung hart an der Performance Spaß. Erst recht Martin Winkler als kraftvoll-hohlwangig tönender Alberich oder Günther Groissböck als schwarzsonoriger Fasolt mit Filmstarqualität. Doch dann gibt es wieder diese Minuten, wo alles wie unschlüssig zusammensackt. Wo stückwidrige Fehler zu sehen sind. Wo deutlich wird, dass Castorf eben doch „nur“ ein Einspringer ist, mit Zeitproblemen (und Ideenarmut) kämpfen musste. Motel Halb-Garni an der Route 66: Da eröffnet sich für die Folgejahre dieses gerade gestarteten „Rings“ ein weites Betätigungsfeld. Dass Wotan und Widersacher Alberich an derselben Tankstelle ihr böses Westernspiel treiben, raubt ihnen die Gegensätzlichkeit. Liebesfluch, Bedeutung des Goldes, alle diese den „Ring“ begründenden Aspekte gehen verloren.

Die Besetzung

Dirigent: Kirill Petrenko.

Regie: Frank Castorf.

Bühne: Aleksandar Denic.

Kostüme: Adriana Braga Peretzki. Video: Andreas Deinert, Jens Crull.

Darsteller: Wolfgang Koch (Wotan), Oleksandr Pushniak (Donner), Lothar Odinius (Froh), Norbert Ernst (Loge), Claudia Mahnke (Fricka), Elisabet Strid (Freia), Nadine Weissmann (Erda), Martin Winkler (Alberich), Burkhard Ulrich (Mime), Günther Groissböck (Fasolt), Sorin Coliban (Fafner), Mirella Hagen, Julia Rutigliano, Okka von der Damerau (Rheintöchter).

Bayreuths Besetzungsbüro, immerhin, darf sich für das „Rheingold“ auf die Schultern klopfen. Nicht nur in den Hauptrollen: Okka von der Damerau, Mirella Hagen und Julia Rutigliano als Rheintöchter, Lothar Odinius als Froh, Claudia Mahnke als Fricka und Nadine Weissmann als Erda haben Festspielniveau. Die Buhs für Norbert Ernst sind hart – sein Loge ist eine Spur zu schönstimmig, zu passiv. Was prägnantes, deklamatorisches Gestalten heißt, könnte er sich von Burkhard Ulrich (Mime) abhören. Wer fürchtet sich vor Castorf? All dieser Festspielgrusel ist ohnehin Makulatur. Nach diesem „Rheingold“ deutet alles darauf hin: Bayreuths neue Großtat wird der „Ring“ Kirill Petrenkos. Eine atemberaubende Klangwelt dämmert da schon mit den ersten Es-Dur-Takten herauf (und wird sofort von Castorfs Bildern gestört). Unmerklich nimmt Petrenkos Deutung Fahrt auf. Manches ist wundersam schwebeleicht, Akzente sind klar platziert, nie verwischt. Überhaupt sind viel mehr Bläser-Mixturen als sonst herauszuhören. Petrenko ist da Extremist, lässt Lyrisches duftig aufblühen – und das grandiose Festspielorchester ein Finale hinlegen, das man so schnell nicht vergisst. Was für ein Triumph.

Markus Thiel

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