Bayreuther Festspiele: Rundgang durch deutsche Geschichte

Bayreuth - Auf jede Bayreuther Premiere richten sich die Augen der gesamten Musikwelt. Doch bei "Parsifal" ist die Spannung stets ein wenig größer, gehört der doch wie kein anderes Wagner-Werk zum Selbstverständnis des Grünen Hügels. Der norwegische Regisseur Stefan Herheim (38) ist verantwortlich für die Neuinszenierung, die an diesem Freitag Premiere hat und mit der die Festspiele eröffnet werden.

Seine Arbeiten, etwa Verdis "Macht des Schicksals" in Berlin, vor allem aber Mozarts "Entführung" in Salzburg, haben für Furore gesorgt und waren heftig umstritten. Bayreuth darf sich auf einen heißen Abend gefasst machen.

-Was thematisieren Sie im "Parsifal"?

Es ist ein Rundgang durch die deutsche Geschichte. Dabei geht es um die Aufarbeitung des Deutschtums. So wie es Richard Wagner verstand - und so wie es von vielen anderen missverstanden und pervertiert wurde.

-Sie zeigen Villa Wahnfried. Ist es auch die Geschichte des Wagner-Clans?

Selbstverständlich. Wir fragen nach Strukturen, auch nach solchen, die über die Geschichte hinweg Bestand hatten. Das passierte vor allem in Wagners Bayreuth. Es ist fast ein Stellvertreterort.

-Wie beschreiben Sie Ihr Verhältnis zu Wagner?

Es hat sich eine große Nähe entwickelt. Anfangs fiel mir das schwer, vor allem aufgrund der religiösen Grals-Dimensionen. Es gab Berührungsängste. Umso wichtiger war für mich der Befreiungsschlag. Einfach sagen zu können: Vielleicht muss man genau diese Berührungsängste zum Thema machen.

-Wie viel Prozent Ihres ursprünglichen Konzepts konnten Sie hier umsetzen?

Es gab Momente, in denen ich erst bekannt gemacht werden musste mit den Traditionen und Tücken des Hauses. Es ist nicht so, dass es hier nur optimale Bedingungen gibt. Akustisch und optisch ist sehr viel zu bedenken. Ich musste auch Rückzieher machen.

-Diese Festspiele sind ja nicht das, was Wagner eigentlich wollte.

Das stimmt. Seine Kunst wurde nicht nur missverstanden, sondern missbraucht. Es war ihm zuwider, was schon zu seinen Lebzeiten in Bayreuth stattfand. Ihm, der eine Demokratisierung der Kunst wollte. Stattdessen kam es zu einer arroganten Versammlung hedonistischer Wilhelministen.

-Wann war Ihre erste Begegnung mit "Parsifal"?

Mit 13 Jahren war ich in diesem Stück Statist an der Oper in Oslo. Ich war hinter der Bühne, habe mir während der Proben, wenn nichts zu tun war, die Aufführung angeschaut. Und da habe ich gemerkt: Das ist mir fremd, da ist etwas ganz Unangenehmes, Unheimliches dabei. Davon ist manches hängengeblieben. Viel später kam dann der Auftrag von der Berliner Staatsoper, dort "Parsifal" zu inszenieren. Da habe ich mich stärker mit dem Stück auseinandergesetzt - und gleichzeitig eine große Liebesenttäuschung erlebt. Ich sagte also ab. Wenige Monate später kam das Bayreuther Angebot. Da dachte ich mir: Diesem Ruf des Grals sollte ich endlich folgen und den Kelch nicht an mir vorübergehen lassen.

-Sie sind auch Musiker und spielen Cello. Wie gehen Sie mit Dirigent Daniele Gatti um?

Von Anfang an war es mit ihm extrem schwierig. Wir hatten wirklich Angst voreinander und fühlten uns einander sehr fremd in unserem Theaterverständnis. Und dann ist ein kleines Wunder passiert: Ab dem ersten Probentag begann ganz langsam eine Verschmelzung.

Mittlerweile könnte ich mir die Zusammenarbeit nicht glücklicher vorstellen. Wir sprechen ganz offen über alles.

-Bayreuth steht vor einer neuen Ära. Wie erleben Sie das?

Es weht ein neuer Wind. Hier werden Türen geöffnet. Es gibt nicht mehr diese falsche Weihe, das Geheimnis. Ich habe nur gute Erfahrungen gemacht, was die Aufgeschlossenheit dem künstlerischen Team gegenüber betrifft.

-Der Grüne Hügel ist eine Wallfahrtsstätte. Das Publikum wartet zehn Jahre auf die Karten, kann manchmal die Partitur auswendig. Wie inszeniert man für Fans, die alles wissen?

Na ja, ob sie alles wissen, das weiß ich nicht. Das Bayreuther Publikum weiß zumindest mehr, das finde ich wunderbar. Meine Vorbereitung unterschied sich nicht von der bei anderen Inszenierungen. Ich selbst war erstmals bei den Festspielen, nachdem ich den Regie-Auftrag bekommen hatte. Als Kind war für mich Bayreuth wie ein Walhall, das irgendwo in Franken in den Wolken schwebt.

-Sie haben bei vielen Inszenierungen intensiv mit dem Material gearbeitet. Etwas hinzugefügt, weggenommen. Wenn das bei Wagner nicht tabu wäre: Wo würden Sie streichen?

Ich würde auf keinen Fall streichen. Das ist in sich logisch komponiert. Aber: "Parsifal" und "Parsifal" sind unterschiedliche Stücke, je nachdem, wer am Pult steht und wer inszeniert. Gefühlte Zeit ist hier sehr relativ. Wagner hat ja - "zum Raum wird hier die Zeit" - 50 Jahre vor Einstein die Relativitätstheorie vorweggenommen. Daniele Gatti bevorzugt ein erhabenes, getragenes Tempo. Das macht mir ab und zu Schwierigkeiten, die Spannung zu halten. Andererseits weiß ich zu schätzen, dass er extrem differenziert.

-Wie hat Familie Wagner Ihr Konzept aufgenommen?

Sehr positiv. Ich habe das Gefühl, dass dies sehr begrüßt wird: den Ort Bayreuth zu thematisieren. Und sich befreien zu können von einer Art Verklärungstheologie, um sie theatral in Frage zu stellen.

-Sie schreiten in Ihrer Inszenierung von der Entstehungszeit des "Parsifal" über den Nationalsozialismus bis in die Gegenwart voran.

Es ist ein relativ einfaches Konzept. Das haben die Griechen entwickelt: über die Katastrophe zur Erkenntnis kommen. Parsifal erlebt eine kollektive Geschichte, in der aus einem Angstgefühl heraus Dämonen auftauchen.

-Die Bundesrepublik demnach als Erlösung?

Womöglich ist die Demokratie das einzige Prinzip, das erlösungstechnisch greifen könnte. Dass die aber nicht unbedingt funktioniert, wissen wir ja auch bereits.

-Katharina Wagner veranstaltet in diesem Jahr erstmals ein Public Viewing in Bayreuth, bei dem ihre "Meistersinger" gezeigt werden. Später gibt es eine DVD. Würden Sie sich freuen, wenn Ihr "Parsifal" berücksichtigt würde?

Diese Politik ist sehr konstruktiv. Auch weil dies eine Öffnung des Hauses bedeutet und mehr Menschen Zugang zu Bayreuth finden können. Ich finde aber, dass das Medium Fernsehen oder DVD kein Theatererlebnis vermitteln kann. Ich habe Angst davor, dass etwas völlig anderes von einer Produktion herübergebracht wird. Ich warte da auf eine erlösende Neuerungsmöglichkeit (lacht).

Das Gespräch führte Markus Thiel

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