"Siegfried" in Bayreuth: Schüsse in den Ofen

Bayreuth - Kirill Petrenko gibt dem „Siegfried“ bei den Bayreuther Festspielen ein starkes Profil – während Regisseur Frank Castorf von Szene zu Szene schlurft. Die Kritik:

Krokodile fressen gern Waldvögel, besonders solche im weißen Revuekleidchen. Pech für das Reptil, wenn das Futter durch Siegfried in allerletzter Taktsekunde aus den Kiefern gerettet wird. Nicht grundlos: Einen Opernakt zuvor hatte der Held sein erstes Sexerlebnis mit dieser flatterhaften Sopran-Barbie, die da als Sambatänzerin unterwegs war. Was nun freilich dumm für Wagner ist, sein dritter „Siegfried“-Akt hätte sich glatt erübrigt: Warum das phonstarke Gewese um des Helden Erweckung zum Mann, wenn der schon vor dem Date mit Tante Brünnhilde gezeigt bekommen hat, wie’s geht?

Aber das mit dem „Warum“, so die Empfehlung für Frank Castorfs Bayreuther „Siegfried“, sollte man ohnehin lassen. Überhaupt gibt es einige Voraussetzungen für reibungslosen Genuss: bitte keine Rückführung auf den Text. Keine Verbindungen schlagen zur Musik. Nachsicht mit einem, der muffig auf Regie-Barrikaden hockt, die längst bröckeln.

Und nicht schreckhaft sein: Siegfried meuchelt Fafner hier nicht mit Schwert, sondern per Kalaschnikow. Eine sekundenlange, ohrenbetäubende Salve, nach der ein Premierengast unter panischem Fuchteln seiner Parkettnachbarn herausgeführt wird. „Entsprechende Schallmessungen ergaben, dass das Gehör der Besucher nicht gefährdet oder geschädigt wird“, heißt es dazu auf dem Programmzettel. Dem Mann war ohnehin schlecht, teilt die Festspielführung mit. Alles sehr beruhigend.

Die Idee mit dem Maschinengewehr wäre angesichts des fetthaarigen Revoluzzers an sich nicht übel. Aber dann, als er davon zu singen hat, lässt Castorf seinen Siegfried doch wieder ein Schwert aus der Kulisse fingern. Wenn man folglich alle Logik ausblendet, wenn man akzeptiert, dass hier ein Regisseur nur locker kommentierend von Szene zu Szene schlurft, dann kann man sich in Castorfs „Siegfried“ irgendwie unterhalten.

Vor allem kann man auf die Bühnenbilder von Aleksandar Deni´c schauen, die sind, neben dem Dirigat Kirill Petrenkos, das eigentliche Wunder dieses „Rings“. Dass Deni´c auch Filme ausstattet, merkt man. Zwei monumentale, perfekt gebaute Szenerien führt die Drehbühne vor: einen verfremdeten Mount Rushmore, der statt aus US-Präsidenten aus den Köpfen von Marx, Lenin, Stalin und Mao besteht. Und Berlins Alexanderplatz, auf dem von U-Bahn-Schild über Weltzeituhr bis zur Kaufhausfassade alles zum architektonischen Konzentrat zusammengeschnurrt ist.

Am Ende besingen sich dort brünstig Siegfried und Brünnhilde an Biertischen. Und das ständige Drehen zwischen beiden Welten wird halbwegs sinnfällig. Ein Held, der mit sozialistischen Denkern aufwächst, ist offenbar nun auf das Grauen des Realsozialismus zurückgeworfen. Dort, wo Herr Fafner sich leichte Mädchen hält. Wo es zum Showdown am Mount Krachmore kommt. Und dort, wo Wotan alias Wanderer als Kino-Bösewicht Joker zu Spaghetti und Rotwein letztmalig mit seiner Erda zusammentrifft. Männer sind Schweine, und die Verhältnisse haben sowieso an allem Schuld: Klischees zwischen Batman und Blowjob.

Sängerdarsteller wie Wolfgang Koch, das muss zugestanden werden, kommen mit alledem gut zurecht. Ein abgewrackter Wotan, saufend, rauchend. Und ein Mann, der zu seinem „Ring“-Finale mächtig und prächtig aufdreht, als wolle er alle Unkenrufe ob eines angeblich zu leichten Baritons widerlegen. Catherine Fosters Brünnhilde wacht dafür im falschen Stück auf. Die Sopranistin zieht ihren dritten Akt durch und scheint dabei im Geiste an der Met, in München oder Wien. Mit viel Empfindsamkeit singt sie, mit trotz Dramatik locker ansprechender Stimme, zwei, drei verwackelte Ansätze gibt es, dafür auch triumphierende Spitzen.

Ob Castorf oder nicht: Der muntere erste „Siegfried“-Aufzug funktioniert immer. Lance Ryan (Siegfried) und Burkhard Ulrich (Mime) schaukeln sich mit hellem Tenorbellen gegenseitig hoch, sodass beide Stimmen bald kaum mehr zu unterscheiden sind. Ryan hat dabei die Generalentschuldigung: Er ist derzeit der einzige Langstreckenmann, der diese Partie unfallfrei durchsteht. So herrlich raubauzig wie Martin Winkler gestaltet, hätte man Alberich gern den Ring gegönnt, Sorin Coliban orgelt Fafner-Töne, Nadine Weissmann (Erda) und Mirella Hagen (Waldvogel) bilden die lyrische Gegenfraktion.

Einen Vorteil hatte ja Castorfs vorangegangener „Walküren“-Abend: Es passierte so wenig, dass das Einfallstor für die Musik weit offen stand. Wer sich nun auf Kirill Petrenko und das Festspielorchester konzentrieren will, muss also die Augen schließen. Und merkt: Der ganze „Siegfried“, die doppelten, dreifachen Ebenen des Stücks, all das spricht aus dieser Interpretation. Schon im Vorspiel, betont langsam formuliert, scheinen die vier folgenden Stunden wie im Nukleus präsent. Petrenkos Wagner hat starkes Profil. Solche glasklaren Schichtungen, so harte, scharfe Akzente sind eigentlich nur ohne Grabendeckel möglich. Kein Weihrauch, kein Süßstoff. Und manchmal erzeugt Petrenko einen Furor, bei dem die Musiker abheben. Problem nur, dass die Klänge, reflektiert von Deni´cs Bauten, die zu nah am Graben stehen, überstark ins Haus zurückbranden. Akustik? Regie-Logik? Es gibt wohl Wichtigeres in Bayreuth.

Markus Thiel

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