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Millionenschweres Sorgenkind: Ein endgültiges Sanierungskonzept für das Festspielhaus fehlt bislang.

FESTSPIEL-VORSCHAU

„Etwas zwischen Menschen und Motten“: Bayreuths neuer „Lohengrin“

Bayreuth - Ein Ausweg wäre: mehr Opern herausbringen. So wie die Salzburger, bei denen es kaum auffällt, wenn mal zwei, drei Beteiligte einer ihrer vielen Neuproduktionen ersetzt werden müssen. Die Bayreuther kämpften für diesen Sommer mit drei Personalfragen, dummerweise bei ein und demselben Stück, beim „Lohengrin“; Premiere ist an diesem Mittwoch zum Festspielstart.

Man erinnere sich, einfach weil es so nervenaufreibend war: Zunächst gab Regisseur Alvis Hermanis den Festspielen einen Korb, weil er sich an heiklem Ort nicht für seine umstrittenen Äußerungen zur Flüchtlingspolitik verantworten wollte. Dann mochte Anna Netrebko nicht Elsa sein, weil die Partie – trotz Ersteinsatz in Dresden – nur mit Teleprompter zu bewältigen war, die österreichische Staatsbürgerin steht mit Deutsch weiter auf Kriegsfuß. Ähnliches entdeckte Titelheldensänger Roberto Alagna bei sich, leider erst drei Tage vor Probenbeginn.

Und jetzt? Die Neulinge sind Yuval Sharon (Regie), Anja Harteros (Elsa) plus Piotr Beczala (Lohengrin), und alles ist eitel Wonne. Vor allem bei Sharon. Der US-Amerikaner ist wenige Tage vor der Premiere am 25. Juli so beseelt von seiner Aufgabe, vom heiligen Ort und die Mitstreiter von ihm, dass der ganz große Hügel-Knall tatsächlich auszubleiben scheint. „Ich wollte immer nach Bayreuth“, sagt der 39-Jährige in einer Pause der Hauptprobe, erst recht, seitdem er 2006 erstmals Wagner in Oberfranken genoss. Dass dort alles historisch vermint ist, nimmt er als Ansporn: „Man muss mit den Schatten auch ringen.“

Kunst-Star Neo Rauch schuf das Bühnenbild

Wobei die Farbfrage heuer weniger ins Schwarze tendiert. „Es ist sehr viel Blau im ,Lohengrin‘“, sagt der Ausstatter. Und der ist, wie im Falle des gerade herausgekommenen Münchner „Parsifal“, ein Promi aus der Kunstszene. Neo Rauch wurde von den Bayreuthern zusammen mit seiner Frau Rosa Loy verpflichtet. Unter anderem von Porzellan aus Meißen hat sich Rauch, so sagt er, inspirieren lassen. Seit sechs Jahren sei der Schwanenritter Dauergast in seinem Atelier. Nicht nur, was die Bühnenbild-Entwürfe betreffe, sondern auch den Gebrauch des CD-Spielers. „Wagner hat bei uns die akustische Lufthoheit.“

Geplaudert werden oder gespoilert, wie es Neudeutsch heißt, darf aus den Proben nicht. Was man aber sagen kann: Eine mit Konzeptblei überfrachtete Premiere wird es nicht geben, darauf weist Yuval Sharon selbst hin. Er arbeite nicht mit dem Zeigefinger, „wir lassen Träume entstehen“. Surreales solle man sehen, alles werde im Schwebezustand zwischen Wirklichkeit und Traum belassen. Was nicht heiße, dass man das sozialkritische Potenzial des Stücks ignoriere, das ließe sich schließlich durch märchenhafte Kostüme genauso aufdecken. Und damit die orthodoxen Wagnerianer vielleicht eine Info zum Fürchten bekommen: „Irgendetwas zwischen Menschen und Motten“ soll auf der Bühne zu sehen sein.

Regisseur und Ausstatter-Duo, deshalb auch die mutmaßlich nicht inszenierte Harmonie, sind sich da einig. „Die Nachwirkungen des ,Tagesschau‘-Erlebens sollten verebben“, so denkt Neo Rauch übers Theatererlebnis. Auch er ist sich des Kraftorts Bayreuth bewusst mit all seiner zwielichtigen Historie. Hier Wagners Stücke immer wieder neu zu befragen, sei doch „eine Art der Wundheilung, wie sie besser kaum funktionieren kann“. Exorzismus, auch das Wort fällt in diesem Zusammenhang.

Christian Thielemann mit Hügel-Rekord

Drei Neulinge also, die auf einen Veteranen treffen. Christian Thielemann stellt dieses Jahr den Rekord auf. Mit dem „Lohengrin“ hat er auf dem Hügel nun alle Musikdramen abgehakt, die dort gespielt werden dürfen. Man sieht ihm an, wie er das genießt. Und man glaubt ihm, wenn er sagt: „Das habe ich mir 2000 bei meinem Debüt mit den ,Meistersingern‘ nicht erträumt.“

Die Schwanenrittersaga ist zugleich das Wagner-Werk, das ihm am häufigsten untergekommen ist. Ob früher an der Deutschen Oper Berlin oder vor zwei Jahren an der Dresdner Semperoper, als unter ihm Anna Netrebko als Elsa und der diesjährige Bayreuth-Retter Piotr Beczala als Schwanenritter debütierten. Und dennoch hat er für sich etwas Neues entdeckt in dieser Partitur. Nicht das Blechgepanzerte, das Martialische, Überwältigende will er herausstellen, auch wenn man schon ab und zu „loslassen“ müsse. „Wir spielen zu griffig“, das habe er gerade erst in der Probe dem Orchester gesagt. „Silbrig-ungegenständlich, aber nicht konturlos“, ein bisschen Debussy, so stelle er sich den „Lohengrin“ anno 2018 vor.

Drei Personalfragen gelöst, das ist schön, aber ein Klacks im Vergleich zu den sonstigen Problemen, die sich im zehnten Amtsjahr von Katharina Wagner türmen. Und die sind nicht künstlerischer Natur. Es dreht sich um die Renovierung des Festspielhauses, die sich länger hinzieht als gedacht. Der Kartenbesitzer bekommt davon so gut wie nichts mit, bis auf 2013, als das hehre Gebäude einen Sommer lang eingerüstet war. Doch es gibt noch viel mehr, Tiefgreifenderes zu tun und dafür immer noch keinen endgültigen Zeitplan. Eine niedrige dreistellige Millionensumme wird genannt, eine viel höhere also als die ursprünglich gedachten 30 Millionen. Das würde im Vergleich etwa zu den Renovierungsarbeiten an der Berliner Staatsoper oder dem geplanten Konzertsaal in München zwei der beteiligten Geldgeber, nämlich Bund und Freistaat Bayern, nicht überfordern. Nur: Wo kein Finanzkonzept, da auch kein Sanierungsfortschritt.

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