Bayreuther Festspiele: Wunschmaid mit Biedersinn

Bayreuth - Bevor das Fallbeil ausgelöst wird, sollte bedacht werden: Keine Aufführung hätte diesem Erwartungsdruck standgehalten. Das Debüt an heil'gem Ort mit der erst fünften Inszenierung, die erklärte Befreiung seiner "Meistersinger von Nürnberg" aus sumpfigster Bayreuth-Konvention, dies alles als sechsstündige Bewerbung für den Festspielthron - nicht einmal Katharina Wagners großen Kollegen wäre da der Coup gelungen.

Und doch sind nun ziemlich viele von dieser Bayreuther Premiere enttäuscht. Die Orthodoxen, weil ihnen ihre Wunschmaid die Festwiese des dritten Akts gründlich vermiest hat. Die Freunde frecher Regie, weil Provokatives allzu durchsichtig ausgestellt wurde. Krawallfans, weil es - trotz Buhs für Solisten und Regieteam - nicht mal zum Skandälchen reichte. Und Liebhaber der Gesangskultur, weil sie eine der dürftigsten Neuproduktionen der letzten Jahre durchsitzen mussten.

Bevor's im Finale politisch, gleichzeitig recht dünn wird, nimmt Katharina Wagner mit ihren Ausstattern die "Meistersinger" als das, was sie sind: als Diskurs über die Kunst und als Schilderung, wie da ein Außenseiter Nürnbergs bornierte High Society aufmischt. Das ist folglich nicht neu, ward aber am Grünen Hügel, wo Vater Wolfgangs letzte Regie zum komatösen Schlummer einlud, so noch nie gesehen.

 Im dreistöckigen Einheitsraum, eine Art Kunstakademie, erleben also die Meister, die Hochwasserhosen tragen und mit dem Reclamheft als Bibel wedeln, wie ein Stolzing ihren geschleckten Raum nach seiner Faon verhübscht. Der Mann hat zwar einen adretten Anzug und beste Manieren, betrachtet aber alles, was ihm in die Finger kommt, als Einladung zur Performance - Schlingensief lässt grüßen.

 Vieles, was Katharina Wagner und ihre animierten Sänger zeigen, ist ja amüsant. Stolzings Wettpuzzeln mit Beckmesser etwa, auch die "Dichterlesung" des Letzteren à la Loriot und der Sängerkrieg, bei dem Beckmesser mit echtem Nackedei und Beate-Uhse-Puppe auftritt, während Stolzing seinen Minne-Song durch mittelalterlich gewandete Statisten illustriert.

 Katharina Wagners Problem ist nur, dass sie ihr Publikum für ein wenig schlicht hält, alles also zwei- bis dreimal erklärt, anderes dagegen wahnsinnig avantgardistisch findet, was sich nur im Biedersinn erschöpft: Klecksende Künstler und ausgeschüttete Farbeimer in hehren Hallen, solch "Provokationen" reizen allenfalls zum Gähnen.

 Um zwei gegenläufige Entwicklungen kreisen diese "Meistersinger". Sachs, modern, kettenrauchend, barfuß und im offenen Hemd, mutiert vom freigeistigen Autor zum rechten Fiesling, der mit Breker-Büsten der deutschen Kunst huldigt. Stolzing macht dieselbe Entwicklung durch, kann aber vorm finalen "Heil"-Jubel noch entfliehen. Beckmesser dagegen, der einstige Traditionsverherrlicher, erlebt seine emotionale Erweckung, kann solch nationalistische Exzesse nur grimmig belachen.

Doch zwischen Konzept und Realität klaffen Lücken: Warum Sachs und Stolzing ihre Wandlung erleben, wird nicht gezeigt. Ebenso Sachs' angebliche Liaison mit Eva, wie sich überhaupt der flotte Hans inmitten spießiger Meister zu unbehelligt bewegt: Warum ist er hier überhaupt so anerkannt?

 Für ihre kaum gebändigte, manchmal auch unlogische Ideenschau hat sich Katharina Wagner bei vielen bedient. Hier etwas Konwitschny, dort Claus Guths Schwellköpfe beim Ballett der deutschen Meistergeister, sogar Onkel Wieland wird mit steiler Festwiesen-Tribüne zitiert. Dass erstmals in Bayreuth das deutschnationale C-Dur-Brausen hinterfragt wird, ehrt Katharina Wagner allerdings. Obgleich ihr dabei ein Sündenfall unterläuft: Mögliche Proteste gegen ihre Regie - "Buh"-Schilder und eine Künstlerverbrennung (!) - werden eitel und geschmacklos mitinszeniert. Etwas Regiegeschichte in Bayreuth und anderswo, noch eine Portion "Meistersinger" in NS-Zeit plus Kunstdebatte: Unter solch Zutaten ächzt die Produktion. Und manch Sänger auch unter seiner Partie. Amanda Mace, vom Stimmtyp nur robustes Blondchen, plagt sich mit der Eva, gern auch vierteltönig zu tief, ist in dieser Inszenierung überdies kaum vorhanden. Franz Hawlata, im Leben und auf der Bühne Zigarettenfreund, spielt als Sachs vor allem sich selbst. Sein Stimmkern ist ihm abhanden gekommen, auch die klare Diktion, harte Tonansätze und forcierte Spitzen sollen fehlende Durchschlagskraft ersetzen. Artur Korn (Pogner) ist mit ältlichem Bass kaum formatfüllend. Eher schon Norbert Ernst (David), Carola Gruber (Magdalena) und Markus Eiche (Kothner).

Klaus Florian Vogt, als Stolzing-Sonnyboy ein Wiedergänger Roland Kaisers, fügt sich ideal ins Konzept. Seinen ätherisch hellen, mühelos tragenden Tenor setzt er nun mit mehr Timbre-Breite und Nachdruck ein, Wagner bleibt aber für diesen genuin Lyrischen ein Grenzfall.

 Bei wem keine Wünsche offenbleiben, ist Michael Volle. Offenbar alles, vom kristallklaren Parlando bis zum kraftvollen Ausbruch, kann dieser Ausnahmesänger seinem Bariton abverlangen. Beckmessers Preislied-Karikatur klingt bei Volle wie das logischste Schubertlied, höchste Spiellust wird durch darstellerische Intelligenz kanalisiert. Ein Sympathieträger, dem die Krone des Abends gebührt.

 Zumal sich Volle auch weitgehend gegen Dirigent Sebastian Weigle durchsetzen konnte. Der ist kein Schattierungszauberer wie Thielemann, segelt meist volle Kraft voraus und dabei gern über Stimmen hinweg. Weigle verlor sich nicht in Manierismen, blickte durchs Mikroskop auf die Partitur, wo's angebracht war, und bot eine kompakte, prägnante, anfangs einfallslose Interpretation. Manche Passagen wackelten zudem, auch das Zusammenspiel mit dem phänomenalen Festspielchor hat man hier schon präziser gehört.

Aber der Kundendienst der "Werkstatt Bayreuth" steht Sebastian Weigle ja zur Verfügung. Ebenso wie Katharina Wagner, die sich sichtlich noch in der Übungsphase befindet. Was für die Festspielleitung zunächst gar nichts heißt. Immerhin: Mit einer Inszenierung hat sie mehr Fantasie als Papa Wolfgang in mehreren Jahrzehnten gezeigt.

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