Bayreuther "Ring" zwischen Glanz und Beliebigkeit

Bayreuth - Das Schlussbild ist symptomatisch: Während das Orchester zu einer sich machtvoll steigernden, überwältigenden Klangorgie ansetzt und das Erlösungsmotiv immer deutlicher hervortritt, steigt auf der Bühne etwas Rauch auf, Brünnhilde und Hagen schreiten gemächlich in die Kulisse, und am Ende schlendert ein Paar mit quietschendem Fahrrad über die Bühne.

Die Diskrepanz zwischen musikalischem Glanz und szenischer Beliebigkeit konnte kaum größer sein in diesem Bild der "Götterdämmerung", mit der am Mittwochabend der vierteilige Zyklus "Der Ring des Nibelungen" bei den Bayreuther Festspielen zu Ende ging.

Die Publikumsreaktionen fielen entsprechend aus: Ovationen für das Festspielorchester unter dem Dirigenten Christian Thielemann, matter Beifall, vermischt mit Buhrufen, für Regisseur Tankred Dorst. Die "Götterdämmerung" bestätigte, was schon die vorangegangenen Opern "Rheingold", "Walküre" und "Siegfried" deutlich zeigten: Dem Bayreuther "Ring" fehlt ein Konzept.

Mal ist er märchenhaft angelegt, etwa in der ersten Szene der "Götterdämmerung", wo die drei Nornen unter dem Sternenhimmel von der Welten Lauf und Ende singen. Urplötzlich kommt dann in der Gibichungenhalle eine historische Komponente ins Spiel: Siegfried platzt in eine mondän-dekadente Gesellschaft der 1920er Jahre. Vom Zaubertrank des Gedächtnisses beraubt, vergisst der Naturbursche Brünnhilde und entbrennt für Gutrune.

Ein Drama um Liebe, Betrug und Rache entwickelt sich da, doch die theatralischen Effekte, die der "Ring" in großer Zahl bietet, verpuffen in dieser Inszenierung. Die Ermordung Siegfrieds, die Selbstverbrennung Brünnhildes - müder kann man diese gewaltigen Szenen kaum auf die Bühne bringen.

So lebt der Bayreuther "Ring" von musikalischen Glanzleistungen. Großer Gewinner ist Dirigent Christian Thielemann, der die mehr als 15-stündige Tetralogie wie aus einem Guss dirigierte und einen nahezu perfekten Klang hervorbrachte, wie ihn sich Richard Wagner, der das Festspielhaus eigens für den "Ring" hatte erbauen lassen, wahrscheinlich nicht hat träumen lassen. Wie es Tradition ist in Bayreuth, zeigten sich nach der "Götterdämmerung" die Orchestermusiker auf der Bühne - in T-Shirts und kurzen Hosen, denn im Orchestergraben kann es unter dem Deckel sehr warm werden. Das Publikum dankte ihnen die Mühen mit Ovationen.

Auch die Sänger gaben alles: Stephen Gould überzeugte als Siegfried - abgesehen von einigen kleinen Stolperern - mit warmem, flexiblem Tenor ebenso wie Linda Watson als mal furiose, mal berührend zarte Brünnhilde. Hans-Peter König gab einen machtvoll-markanten Hagen ohne Schwächen. Ralf Lukas sang den Gunther, Edith Haller die Gutrune und Mihoko Fujimura die Waltraute. Nicht nur in der "Götterdämmerung", sondern im gesamten "Ring" wurde auf hohem Niveau gesungen, mit einer Ausnahme: Endrik Wottrich konnte als Siegmund in der "Walküre" stimmlich nicht mithalten. Er wird - wegen Erkrankung, wie es hieß - in der nächsten Vorstellung am 5. August durch Robert Dean Smith ersetzt, teilten die Festspiele mit.

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