Der Bazi im Biedermann

- München - Er hatte eine Figur wie Bäume im steilen Gelände der Berge: hart und zäh, aber so flexibel, dass ihnen die Stürme nichts anhaben können; nicht elegant und ebenmäßig, sondern etwas gebeugt im Wuchs, jedoch imposant - manchmal auch bizarr. Beppo Brem, der am 11. März 100 Jahre alt geworden wäre (gestorben am 5. September 1990), war so ein bayerisches G'wachs.

Eine hohe Gestalt, die sich in einen eckig herumfuhrwerkenden Dorfdeppen genauso verwandeln konnte wie in eine gereckte Autoritätsperson oder in einen Schlawiner, der die groben Gliedmaßen für seine Tricks unerwartet wendig herumzuschlenkern vermochte.

Ein baumlanger Schreinerlehrling

Brem war ein Schwabinger Bub, aufgewachsen unter Handwerksleut' und Arbeitern. Beppo selbst machte eine Schreinerlehre. Der Leib dieses baumlangen Mannes drückte die Erfahrung von körperlicher Arbeit und die damit verbundene Verhaftung im unspektakulären Alltag Zeit seines Lebens aus. Deswegen war er ein Volksschauspieler im wahrsten Sinne des Wortes. Zumal er außerdem ein vorzüglicher Handwerker des Theaters war. Nicht nur weil er als Bühnenschreiner an den Münchner Kammerspielen gewerkelt hatte.

Auch als er auf den Brettern stand und sie nicht mehr aus den Werkstätten heraus bestückte, durchlief er eine grundsolide "Lehre". Die führte vom Komparsen bis zum Alba in Schillers "Don Carlos" und zum Pfarrer-Onkel in Marieluise Fleißers "Der starke Stamm".

Dieses "Handwerkliche" rettete Brem, nachdem die Falle des Volkstümlichen, des Bayern-Deppentums schon über ihm zugeschnappt war. Viele blödsinnige Rollen vor allem in Filmen bis hin zu "Pudelnackt in Oberbayern" konnten ihm deswegen nichts anhaben.

Seine schauspielerische Basis blieb davon unberührt. Sie hatte er nach dem Einstand bei der Reichenhaller Bauernbühne in Ulm und Regensburg, Berlin und natürlich in München gründlich und konsequent gelegt. Aber der Realitätssinn sagte eben, dass reine Kunst nicht so satt macht wie all die leichtfüßigen Unterhaltungsangebote.

Das Kino bot ihm seit den 30ern ein weites Feld vom braven Knecht bis zum g'scherten Bauernlackl ("Die verkaufte Braut", "Quax, der Bruchpilot", "Des Teufels General", "Ludwig Thomas Lausbubengeschichten").

Natürlich hatte Brem auch da alle Facetten des Bajuwarentums zur Verfügung. Das, was die Seppltum-Vermarktungsindustrie wünschte, und das, was die Bayern über sich selbst aussagen wollen. So schaltete er mühelos um, etwa bei Thoma, Anzengruber oder Fleißer, wenn es darum ging, die sensiblen, ja überempfindlichen Grobiane auszuleuchten ("Mir Bayern san saugrob - aber mir meinen es auch so"); die jovialen Heuchler, die ihre Opfer umstricken; und die Bazi mit ihrem schlechten Gewissen, die doch immer wieder ihrer Sinnlichkeit - Bier, Rauferei, Weiblichkeit - erliegen. Beppo Brem hobelte eben nicht

Volksschauspieler im wahrsten Sinn

nur flüchtig über Bretter, er konnte schon auch doppelte Böden und Geheimfächer einbauen. Leider machte er nicht viel Gebrauch davon. Selten trat er am Residenz- oder Volkstheater auf.

Seine Qualitäten setzte er zum Glück auch in vielen Komödienstadln ein, in der Kleinen Komödie (mit Erni Singerl war er ein herrliches Groß-klein-Gespann) oder in der hintersinnigen Fernsehserie "Die seltsamen Methoden des Franz Josef Wanninger", die später in "Die unsterblichen Methoden . . ." (1964-82) übergingen. Hier durfte Beppo Brem der bayerische Biedermann sein, der intelligenter ist als alle schlauen Brandstifter; der als verdeckter Ermittler mit vielschichtiger Menschlichkeit hinter die Geheimnisse kommt; und der mit lässig-souveränen Regelwidrigkeiten erfolgreicher ist als der korrekte Kollege, ein Preiß . . .

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