Die Beatles sind nur der Anfang

München - Kultur als Kapital: Liverpool hat die Trendwende geschafft und den Niedergang als Industriestandort mit seinem vielseitigen Kunstangebot aufgefangen.

Den Beatles kann man in dieser Stadt nicht entkommen. Schon am John Lennon Flughafen geht es los. Im Pub "White Star" stehen die Namen der "Pilzköpfe" auf Messingplatten über ihren Stammplätzen. Um die Ecke liegt der Cavern Club, wo John, Paul, George und Ringo zu den Stars der ersten Stunde zählten. Natürlich gehören ihre alten Wohnhäuser zum Programm wie die Penny Lane, verewigt in einem Lennon-McCartney-Song.

Wiege der Beatmusik

Schon Liverpools Status als Wiege der Beatmusik wäre Grund genug, die nordwestenglische Hafenmetropole für ein Jahr zur Kulturhauptstadt Europas zu machen. Und nicht nur mit der Karriere der wohl berühmtesten Band der Welt ist Liverpool eng verbunden. Etliche andere haben in der Nachtschwärmermeile Mathew Street ihre Feuertaufe erhalten, etwa die Rolling Stones, die Kinks und The Who. "Das Erbe der Beatles hat geholfen, aber damit allein wollten wir uns nicht präsentieren", sagt Paul Newman, Sprecher der Liverpool Culture Company. Sie ist Schaltzentrale für die Verwandlung der einst daniederliegenden Stadt am Mersey in eine Kulturmetropole.

Was hier in wenigen Jahren geleistet wurde, ist erstaunlich. Länger als andere Industrieregionen war die Mersey-Stadt in der Spirale von Arbeits- und Hoffnungslosigkeit hängen geblieben. Margaret Thatchers "Revolution" ging an Liverpool vorbei. "Maggie hasste uns", erzählt Stadtführer Phil Hughes. "Denn bei uns regierte der trotzkistische Flügel der Labour Party. Investitionen flossen überall hin, nur nicht nach Liverpool." Schließlich siegte der Pragmatismus, und die Kultur wurde zu dem Zopf, an dem Liverpool sich aus dem Sumpf zog.

Die jährliche Biennale moderner Kunst, kostenlose Galerien, Theater und die Philharmonie machten Liverpool zur Stadt mit dem zweitgrößten Kulturangebot im Königreich. Das rief private Investoren auf den Plan. Und bei der EU in Brüssel stieß man mit dem Konzept für die Kulturhauptstadt 2008 auf offene Ohren und Geldbeutel. Schließlich half auch London. Und so kam es, dass die Wahrzeichen der mehr als 800 Jahre alten Stadt ­ die Fantasievögel "Liver Birds" ­ nicht mehr wie Pleitegeier, sondern eher wie stolze Herren der Lüfte wirken.

Die "Liver Birds", die auch Shirts und Clubfahne des FC Liverpool zieren, thronen über dem neuesten Tummelplatz für Touristen, dem rekonstruierten Hafenviertel am Albert Dock. Benannt wurde es nach dem deutschen Ehemann von Queen Victoria, der es einst eingeweiht hatte. Neben der nagelneuen Konzert- und Sporthalle mit 10 000 Plätzen lädt die Kunstgalerie Tate Liverpool, ein Ableger der Tate London, zu Besuchen ein. Und im Merseyside Marine-Museum wird Seefahrtgeschichte lebendig.

Multikulti-Metropole

Tiefe Eindrücke hinterlässt das International Slavery Museum. Es setzt sich mit dem Sklavenhandel auseinander, der Liverpool als größtem Umschlagplatz für die "Ware Mensch" zwischen Afrika und Amerika zu Reichtum verholfen hatte. Zu den Stärken der Hafenstadt ­ sie war einst die erste wirkliche "Multikulti-Metropole" Europas ­ gehört bis heute, dass ihre Völkerschaften gut miteinander auskommen. Die erste China Town des Westens entstand hier. Menschen aus Afrika und Asien, aus Nordeuropa und Irland, später auch aus der Karibik landeten im Merseyhafen, um für immer zu bleiben.

Mehr als 300 Veranstaltungen haben Liverpools Stadtväter für das Jahr der europäischen Kulturregentschaft versprochen, von Straßenkunst bis zur musikalischen Mammutshow "The Liverpool Sound". Klar, dass auch heimische Stars wie der Dirigent Simon Rattle und die beiden Ex-Beatles Paul und Ringo dabei sein werden.

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