Bebendes Spiel

- Vielleicht hätten die Budapester Symphoniker ihr kompaktes Tschaikowsky Programm in der Münchner Philharmonie in umgekehrter Reihenfolge präsentieren sollen: Erst die "Manfred"-Symphonie, dann das Violinkonzert und zum Schluss den "Reißer", das b-moll Klavierkonzert.

<P>Zweifellos hätte das wuchtige, reich instrumentierte und vom Blech dominierte Seelengemälde um den Helden Manfred - sehr ausgewogen von Tamás Vásáry dirigiert - somit gleich zu Anfang dem Publikum einiges abverlangt, aber die Nachwirkung der Solistenkonzerte wäre intensiver gewesen. <BR><BR>Die junge Alina Pogostkin, aufstrebender Star unter den Geigerinnen, stellte sich der Herausforderung des D-Dur Violinkonzertes op. 35 mit enormer technischer Perfektion und Temperament. Doch wenn es um die inneren Spannungsmomente und das melancholisch Schwermütige geht, bringt ihr schlanker Ton noch nicht das tiefe Geheimnis zur Geltung. Vielleicht hat es auch etwas mit der (Un-)Reife der Zwanzigjährigen zu tun, die nach ihrem Auftritt im Konzertsaal Platz nahm und während des Spiels von Fazil Say ungeniert mit ihrem Begleiter plauderte. <BR><BR>Der 1970 in Ankara geborene Pianist und Komponist ist eine imposante Persönlichkeit, und Fazil Say spielt nicht einfach Klavier. Den Flügeln eines Pinguins gleich lässt er die Arme mit ausgesteckten Handflächen seitlich hängen, bevor er sozusagen Anlauf nimmt, um nach wenigen Takten in das Orchestertutti des b-moll Klavierkonzertes einzufallen. Ihm scheint das Klavier als Ausdrucksmittel nicht zu genügen. </P><P>Tief gebeugt über der Klaviatur bearbeitet er mit seinen kleinen Händen die Tasten, kommentiert sein Spiel mit Gesten des Ausdruckstanzes, erinnert an Glenn Gould, wenn er mitsingt. Er bebt förmlich beim Spiel seiner donnernden Akkorde, verliert sich exzessiv in der virtuosen Kadenz des ersten Satzes oder im brillanten Finale und bietet doch den Mittelsatz in lyrischer Farbigkeit. </P>

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