Oh Becken werd Bauer!

- "Der Ball ist rund", sagte Sepp Herberger. "Meiner hat eine Delle", antwortet Günter Grass. "Von Jugend an drücke und drücke ich; aber er will nur einerseits rund sein", lautet sein Gedicht weiter. "Das nächste Spiel ist immer das schwerste", sagte ebenfalls Herberger. "Oh, nein, das schwerste ist, wenn es kein Spiel gibt", beklagt Péter Esterházy in seiner "Melancholischen Zusammenfassung der Lebenserfahrungen eines Altfußballers (55)".

Was ist passiert? Dichter schreiben Fußballtexte, und zwar Auftragslyrik für das Netzwerk der Literaturhäuser. Wie in den vergangenen Jahren nutzen die Häuser die etwas werbe-arme Sommerzeit, um wieder einmal per Plakat "Poesie in die Stadt" zu bringen. Und weil man nicht früh genug anfangen kann mit der Vorfreude, die André´ Heller in seiner Funktion als Kulturkoordinator der Fußball-WM 2006 ausgerufen hat, beziehen sich die diesjährigen Originalbeiträge für die Gedichtaktion auf berühmte Fußballzitate.Gefördert vom FIFA-Kulturprogramm, bilden die lyrischen Plakate nämlich den Auftakt für weitere literarisch-sportliche Aktionen. Aufstellen lassen hat sich dafür eine Mannschaft renommierter Autoren: Ulrike Draesner, Robert Gernhardt, Günter Grass, Pé´ter Esterhá´zy, Elfriede Jelinek, Franzobel, Ilse Aichinger und Urs Widmer. Ab sofort sind ihre Texte auf bunten Plakaten mit T-Shirt-Motiv in der ganzen Stadt zu lesen. In Salzburg, dessen Literaturhaus ebenfalls Teil des Netzwerks ist, wird sogar ein Linienbus damit geschmückt.Als "Doppelpass zwischen Fußball und Kunst" bezeichnet Volker Bartsch, Geschäftsführer der DFB Kulturstiftung, das Projekt der Literaturhäuser. "Schließlich sind die Ziele eines Doppelpasses das Überraschungsmoment, die Überwindung eines Hindernisses und die Bewegung nach vorne." All das erwartet man sich auch von den beiden weiteren Projekten: "Elf Frauen sollt ihr sein", so der Appell an eine Auswahl von Autorinnen, wie einige ihrer männlichen Kollegen endlich einmal Texte über Fußball zu verfassen. Diese sollen im kommenden Frühjahr in einer Anthologie bei Luchterhand erscheinen. Und da, mit Ausnahme freilich von Salzburg, an sämtlichen Standorten der beteiligten Literaturhäuser Vorrunden-Spiele stattfinden, sollen in derselben Besetzung am jeweiligen Ort Zusammentreffen internationaler Autoren ausgetragen werden.In wohltuendem Kontrast zu den Beckmanns und Kerners werden dann also vor dem Spiel Fußball und Fußballkultur etwa aus Sicht eines dänischen und kamerunischen Autors kommentiert, wenn Dänemark gegen Kamerun spielt. Damit im Juni 2006 auch alles so klappt, kann man mit Urs Widmer schon mal beten: "Oh Becken werd Bauer! Oh Klins sei ein Mann! Seid lustig nicht sauer und tut was ihr kann!" (www.literaturhaeuser.net).

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