Das Bedürfnis nach Normalität ist hysterisch

- Der ungarische Schriftsteller Péter Esterházy hat seine Landsleute zur Vergangenheitsbewältigung aufgefordert. Bei der Entgegennahme des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels sagte der Schriftsteller gestern in Frankfurt, es sei kein Zufall, dass es für Vergangenheitsbewältigung im Ungarischen kein Wort gebe. "Das Wort fehlt, weil die Tätigkeit fehlt", kritisierte der 54-Jährige. Die Auseinandersetzung mit der Geschichte sei jedoch eine "europäische Pflichtarbeit".

<P>Die mit 15 000 Euro dotierte Auszeichnung, die zum 55. Mal beim Abschluss der Frankfurter Buchmesse in der Paulskirche verliehen wurde, ist einer der bedeutendsten deutschen Kulturpreise. Esterházy wurde für die literarische Begleitung des Wandels in Osteuropa ausgezeichnet. Nach seiner Ansicht ist Deutschland bei der "Nationalerinnerung" viel weiter: "Sie nennt die eigene Verantwortung beim Namen." Die anderen europäischen Nationen hätten es sich dagegen angewöhnt, die eigenen Missetaten durch die deutschen Untaten zu verdecken. "Der Hass gegen die Deutschen ist Europas Fundament in der Nachkriegszeit." Da Ungarn und andere Länder sich nicht ihrer Vergangenheit stellten, sei es auch den Deutschen verwehrt, die noch fehlenden Fragen zu stellen. "Eine gesamteuropäische Übereinstimmung unseres Wissens über uns selbst als Mörder und Opfer ist noch nicht entstanden", sagte Esterházy.<BR><BR>"Wir schaffen es nicht, dem Leben mit unseren Gefühlen nachzukommen."<BR>Péter Esterházy</P><P>In seiner großteils witzig-satirisch angelegten Rede führte der ungarische Autor mehrfach auch das Wort "Keule" ein. Damit spielte er auf die umstrittene Rede Martin Walsers an, als der 1998 bei der Entgegennahme des Friedenspreises die Instrumentalisierung von Auschwitz und des Holocaust als "Moralkeule" kritisiert hatte. Esterházy bezeichnete in seiner Replik auf Walser, ohne ihn beim Namen zu nennen, das Bedürfnis nach Normalität als "hysterisch". Wer auf "Mitgefühl und das persönliche Erleiden" baue, müsse sich nicht als Opfer von "Moralkeulen" sehen, die andere schwingen.<BR><BR>Literatur dürfe sich nicht benutzen lassen und könne auch nicht als "Friedensstifter" fungieren, betonte der ungarische Autor, der es in seiner Rede ablehnte, sich zu aktuellen politischen Fragen zu äußern. "Seit Ewigkeiten bewundere ich Amerika und bin gegen den Krieg im Irak", sagte er knapp und forderte zugleich mehr Rechte für die ungarische Minderheit in der zu Serbien-Montenegro gehörenden Provinz Vojvodina.<BR><BR>Michael Naumann würdigte in seiner Laudatio Esterhá´zy als "schrecklichen Unruhestifter" und "Sprengmeister" aller Vergangenheitsformen. "Ihre komödiantische Ruhelosigkeit irritiert den Leser", sagte Naumann und betonte, dass Esterházy gegen jede Form des falschen Friedens sei. "Ein Friedensstifter sind sie nicht."<BR></P><P> </P>

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