Beethoven in der Klangschmelze

- Quartett? Eine kühne Behauptung. Denn wer im ausverkauften Münchner Herkulessaal die Augen schloss und den beiden Spätwerken Beethovens lauschte, der vernahm nur ein einziges Streichinstrument. Eines, das in vollendeter Harmonie ausbalanciert schien, sich in vier verschiedene, völlig gleichberechtigte Stimmen und Satzverläufe verästelte: So geschlossen, so homogen, so genau aufeinander reagierend musizierte das Hagen Quartett Beethovens Opus-Nummern 131 und 132.

<P>Der Auftritt erstaunte also in erster Linie als Klangereignis - gipfelnd im "Heiligen Dankgesang" von Opus 132, in dem die Hagens einen Verschmelzungsgrad nahe der Perfektion erreichten. Die beiden Werke begriffen die vier vor allem als nach innen gerichtetes Ereignis. "Molto cantabile", der Vortragshinweis zum vierten Teil aus Opus 131, er schien bei den Hagens über jedem Satz zu stehen.</P><P>Gewiss kann man diese Teile von Beethovens Vermächtnis unwirscher, zugespitzter, ungeschminkter spielen. Die Gefahr des Abmilderns, Verharmlosens ist groß - zumal Existenzielles verhandelt wird, die Musik in Bereiche der Abstraktion, des Nicht-mehr-von-dieser-Welt vordringt. Doch auch dieses Spiel mit der Stille, mit subtilen Nuancen, wie es das Hagen Quartett zum Beispiel im Kopfsatz von Opus 132 vorführte, gewinnt der Musik rätselvolle Dimensionen ab. So lange es nicht, die Gefahr besteht bei den Hagens, geschmäcklerisch wird.</P><P>Immerhin wurden beide Streichquartette als stringente Entwicklungen vorgeführt, die jeweils auf finale Energieentladungen zusteuerten. Schlüssiger gelang das vielleicht im Opus 131: die geschmeidige Linearität des eröffnenden Adagios, der dezente Esprit des dritten Satzes, der irrlichternde Tanz im Presto, schließlich das zupackende Schluss-Allegro, in dem die Hagens (endlich?) ihre gute Erziehung vergaßen. Heftiger Beifall, keine Ovationen. Sie hätten auch nicht zur Interpretation gepasst.<BR><BR></P>

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