Christian Thielemann dirigiert die Staatskapelle Dresden.
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Christian Thielemann am Pult der Staatskapelle Dresden: Zehn Jahre nach seinem Beethoven-Zyklus mit den Wiener Philharmonikern nimmt er sich die Symphonien erneut und nun mit „seinem“ Orchester vor.

NEUERSCHEINUNG IM BEETHOVEN-JAHR 2020

Beethoven macht bäääh: Christian Thielemanns Buch zum 250. Geburtstag des Komponisten

  • Markus Thiel
    vonMarkus Thiel
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Für Christian Thielemann ist Beethoven so etwas wie das Nonplusultra. Nun hat er ein launiges Buch zum 250. Geburtstag des Komponisten vorgelegt.

  • Beethoven, so schreibt Thielemann, ist der Prüfstein für jeden Dirigenten, weil er bei diesem Komponisten Farbe bekennen muss.
  • Mit dem Schlusssatz der Neunten und mit dem „Fidelio“ hat Thielemann Probleme.
  • Aufgebaut ist das Buch wie ein Konzertführer für einen fiktiven Symphonien-Zyklus.

„Vielleicht habe ich ein blödes romantisches Ohr.“ Dirigieren sei, als ob man in grüne oder rote Knete greife, und irgendwann macht der Komponist einfach „bääääh“. Man hört ihn sprechen beim Lesen. Das macht gar nichts und den Reiz des Buchs aus: Christian Thielemann hat sich ja nie als taktierender Musikwissenschaftler oder musizierender Intellektueller verstanden, sondern als Kapellmeister. Als Praktiker also. Und aus dieser Haltung heraus ist auch seine „Reise zu Beethoven“ geschrieben. Es ist nach „Mein Leben mit Wagner“ sein zweites Komponistenbuch, das sich nun einreiht in die vielen Veröffentlichungen zu Ludwigs 250. Geburtstag.

Der flockige Stil (in dem die ebenso gepolte Journalistin Christine Lemke-Matwey die Monologe des Stars zu Papier brachte) täuscht allerdings. Natürlich erfährt man viel Analytisches, auch Autobiografisches von Thielemann, dies abermals über einen Komponisten-Umweg, der Dirigent gibt schließlich ungern Privates preis. Schon früh entzündete sich Thielemanns Beethoven-Leidenschaft – dank der elterlichen Plattensammlung und dank Berliner Konzerterlebnisse, bei denen Herbert von Karajan die dortigen Philharmoniker befehligte.

Beethoven, so wird Thielemann nicht müde auszuführen, sei deshalb das Nonplusultra für Dirigenten, weil er unendliche Möglichkeiten eröffne und den Interpreten gleichzeitig dazu zwinge, Farbe zu bekennen. Vor allem aber erlaube er damit auch Freiheit: Thielemann belegt sehr nachvollziehbar, warum man sich eben nicht sklavisch an ein bestimmtes Tempo oder an (letztlich relative) Vortragsbezeichnungen halten müsse. Man kennt das aus seinen Dirigaten, die sich speisen aus einem großen Instinkt für dramatische und strukturelle Verläufe – und aus kulinarischer Lust. Er nennt es Geschmack. Und auch deshalb ist klar, wer Thielemanns Nonplusultra-Dirigent bei Beethoven ist: Wilhelm Furtwängler.

Beethovens wichtigstes Werk ist für Thielemann die Missa Solemnis

Thielemann plädiert für das Dunkle, Erdige bei Beethoven, für eine Interpretation, die auf den Klang der Mittel- und Unterstimmen setzt. Nicht nur hier positioniert er sich wieder gegen die Kolleginnen und Kollegen der historischen Aufführungspraxis – wobei er einräumt, zu einem Gutteil davon profitiert zu haben. Doch Thielemann kämpft auf Barrikaden, die längst eingerissen wurden, womöglich noch nie existierten. Sogar Nikolaus Harnoncourt, Ahnvater der einst revolutionären Bewegung, begriff sich nie als Dogmatiker, sondern als Praktiker – und war damit Thielemann verwandter, als es aufs erste Hören scheint.

Aufgebaut ist Thielemanns „Reise zu Beethoven“ als eine Art Konzertführer für einen fiktiven Symphonien-Zyklus. Es macht Spaß, ihm bei den detaillierten Erläuterungen zu folgen. Gerade, weil das nie staubt, sondern mit domestizierter Berliner Schnauze geschrieben ist. Man liest erstaunt und versteht, warum Thielemann mit dem Schlusssatz der neunten Symphonie schon immer Probleme hatte, auch mit dem „Fidelio“ – Letzteren hat er noch nie dirigiert. Zu diesen Stilmixturen, die Thielemann auch als Unentschlossenheit begreift, findet er einfach keinen Zugang. Dafür, und dies nach eigener Beteuerung auf selbstverständliche Weise, zu Beethovens Opus summum, zur Missa Solemnis: „Da ist der ganze Beethoven drin.“

Thielemann provoziert gern und macht sich angreifbar, das merkt man auch dem Kapitel über sein Lieblingswerk an. Dass Beethoven nicht nur mit der Kirche, sondern mit dem Glauben an sich rang, ist unstrittig. Dennoch spricht eine tiefe Religiosität aus diesem Werk und, in der reflektierten Verwendung des traditionellen lateinischen Textes, auch Ehrerbietung vor dem Ritus. Etwas also, das sich nicht wie in diesem Buch à la „Beethoven, der Ketzer“ munter wegplaudern lässt. Ein „echtes Kapellmeisterstück“ ist die Missa in den Augen des Dirigenten, weil sie extreme Dispositionsarbeit verlangt. Thielemann drückt das natürlich anders aus: „Aus der Strandsauna springt man raus in die eisige Nordsee.“

Christian Thielemann:
„Meine Reise zu Beethoven“. Beck Verlag, München, 271 Seiten; 22 Euro.

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