Beethoven-Modell

- Irritation im Herkulessaal. Eigentlich war noch die Nummer 24 vorgesehen, doch András Schiff verschwand schon nach der "Appassionata" in die Pause. Keine Caprice des Pianisten war das, sondern eine sinnvolle Maßnahme. Denn nach Beethovens Sonatenhit ereignet sich ein Aufbruch - nach dem aufwühlenden, Genre-sprengenden Wurf hin zur eher verinnerlichten, mittleren Werk-Periode.

Schiff unterstrich das nach der Pause durch den weicher klingenden Bösendorfer-Flügel. Die Fis-Dur-Sonate wurde nicht zu spitz pointiert, auch das Musikantische der Nummer 25 bot er mit Noblesse und milder Heiterkeit: Volksliedhaftes, das ihm als Vehikel für tiefer Lauerndes diente. Auch dass die 26. Sonate ("Les Adieux") "nur" die Trennung des Widmungsträgers Erzherzog Rudolf von seiner Heimat dokumentieren soll, mochte man nicht recht glauben. Eine persönliche, sehr menschliche Tragödie spielte sich da in Schiffs Deutung ab. Eine Kammeroper ohne Worte und Gefühligkeit, die selbst im "Vivacissimamente" des Finales das stete Zweifeln hervorhebt. Haydns f-moll-Variationen waren da als Zugabe nur logisch.

Schiffs Beethoven-Zyklus, der in die sechste Runde ging, ist schon jetzt ein Meilenstein. Sein Spiel hat etwas Modellhaftes - und zugleich Paradoxes. Weil ihm Wucht ohne Äußerlichkeit gelingt. Weil er eine kluge Dosierung von Dynamik, Tempo-Rückungen und Agogik bietet. Weil ihm die Balance von Struktur und Klang glückt. Weil er in der größten Verdichtung immer noch Kantables entdeckt. Weil er Schwierigkeiten wie selbstverständlich meistert - und sich so viel Raum für eine uneitle Innenschau öffnet.

Abzulesen war das vor allem an der "Appassionata", für die er den Steinway wählte. Schiff führte vor, wie sich Beethovens Störmanöver zum wilden Aufbäumen verdichten. Dramatisch war das, mit kontrollierter Attacke, doch nie überhitzt. Dass die vorausgehende Sonate Nr. 22 etwas zu direkt tönte, war da schon vergessen. Oder eine ungewollte Demonstration: Warum nicht mal einen ganzen Abend auf dem Bösendorfer?

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