Beethovens Werkstatt

- Vielleicht gibt es sie doch: Werke, die mit einem Ort verbandelt sind, deren Aufführung in unwiderstehliche Wechselwirkung mit dem Ambiente treten, dieses intensivieren. Man denke an Wagners "Parsifal" in Bayreuth, an Strauss' "Alpensinfonie" in Garmisch-Partenkirchen. Und neuerdings auch an Beethovens "Pastorale" im schwäbischen Kloster Irsee, deren erster Satz wohl die Laune der meisten Gäste inmitten von Barockbauten, Bauernhöfen, Wiesen und Wäldern widerspiegelt, dieses "Erwachen heiterer Gefühle bei der Ankunft auf dem Lande" .

<P>Bruno Weil sei Dank: Nun ist dies auch noch wissenschaftlich unterfüttert. Denn im elften Jahr seines Festivals "Klang & Raum" (noch bis morgen; Tel. 08341/ 906 699) beschritt der Dirigent neue Wege - mit einem Gesprächskonzert in der Klosterkirche, das Beethovens sechste Symphonie, zigfach durch Repertoiremühlen gewalkt, in anderem Licht erglänzen ließ. Weil zog wissend und listig Parallelen zu Haydn, Gluck, Wagner, gar Strawinsky, untermauerte dies in Beispielen mit dem phänomenalen Ensemble Tafelmusik, warf Blicke in Beethovens motivverarbeitende "Werkstatt" und sprach so amüsant wie berührend über dessen naturverbundene Religiosität. <BR><BR>Danach die "Pastorale" komplett. Und selbst der Kundige staunte. Nicht nur übers gerade Erfahrene, sondern auch über die Vitalität der Interpretation, über die nie puzzelnde Detailverliebtheit, oft auch über die Tempi. Denn Weil orientierte sich an Beethovens hochtourigen Metronom-Angaben, akzentuierte dadurch das Duftige, Tänzerische, nahm indes manchmal der Musik (gerade in halliger Akustik) Raum zum Ausschwingen. Trotzdem: Den letzten Satz, so erfüllt gespielt, dürfte man nur schwer vergessen. Für das Irseer Festival war die Werkwahl also folgerichtig. "Klang & Raum" verschränkt ja schon titelgemäß Opus und Umfeld.</P><P>Große Begeisterung</P><P>Das funktioniert in der Klosterkirche, das klappt ebenso im barocken "Festsaal", in dem wenige Stunden zuvor Marion Verbruggen (Blockflöte), Jaap ter Linden (Cello) und Menno van Delft (Cembalo) ein für Matinéestunden ungewöhnlich kniffliges Programm offerierten. Es brachte eine Begegnung mit "Klassikern", unter anderem mit Bachs nobel gedeuteter g-moll-Sonate BWV 1034, und mit Randbereichen der Literatur: etwa mit Musik des 16. Jahrhunderts von Diego Ortiz bis Bartolomeo de Selma y Salaverde, deren üppige Rhetorik Marion Verbruggen und Jaap ter Linden zu einem intensiven Dialog anstachelte. Wie überhaupt die sportive Virtuosität der Flötisten fernab jeglicher Rattenfänger-Attitüde liegt, sie dafür barocken Zierrat unverkünstelt, wie selbstverständlich darbietet.<BR><BR>Große Begeisterung im Publikum, hinter den Kulissen dagegen Stress: Bruno Weil laboriert an einem schmerzhaften Hüftleiden, eine Sopranistin sagte ab, gleich vier Tölzer Knaben erlitten Stimmbruch - und trotzdem geriet das Chor- und Orchesterkonzert zum Erlebnis. Weil deutete Schuberts Es-Dur-Messe als Ausdruck strenger, fast protestantischer Monumentalität fernab jeglicher Gefühligkeit, stellte Modernismen heraus, hätte jedoch mehr Momente des Innehaltens riskieren können. Tölzer Knaben und Tafelmusik hielt er an kurzer Leine, was gelegentlich zum "Hinterherhängen" des Chores führte. Eine neue vokale Dimension wurde im "Et incarnatus" eröffnet - mit schmiegsamsten Soli von James Taylor und Thomas Cooley (Tenor) sowie einem Tölzer Knaben.<BR><BR> Davor Vergessenes: "Mirjam's Siegesgesang" von Schubert in der Instrumentation Franz Lachners. Ein triumphales Opening. Die Tölzer gefielen sich in plastischer Theatralik, Tafelmusik sekundierte mit Klangfinesse, und plötzlich erleuchteten Sonnenstrahlen das Gewölbe: Die Interpretation stieß demnach auch höheren Orts auf Wohlgefallen.<BR><BR>Das Festival ist zwar noch nicht abgehakt, doch Bruno Weil grübelt bereits über Joseph Haydns 200. Todestag Anno 2009 nach, möchte 2006 den ebenso vielten Todestag von Bruder Michael Haydn in Irsee begehen. Ausgerechnet im Mozart-Jahr? "Ich will Mozart in Beziehung zu seinem Umfeld setzen, gerade zu Michael Haydn. Eine enzyklopädische Würdigung, wie sie Salzburg plant - das hat Mozart wirklich nicht verdient."<BR></P>

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