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Dem Appell ja Folge leisten! Ernst Keller hat ihn im „Befehlsbuch der Pfarrey Fürholzen“ entdeckt.

Befehl zum Wiesn-Besuch

München - Wenn Ernst Keller mit seinen Fingern über das zarte, vergilbte Büttenpapier streicht, ist er übervorsichtig. Der Fürholzener darf es nicht zerreißen, gar zerstören. Denn das handgebundene Buch mit den rauen Paketschnüren im Umbruch ist von 1840.

Und es war ein Geschenk. Ein Nachbar fand auf seinem Speicher und Keller einen ungewöhnlichen Befehl von König Ludwig I.: Die Bevölkerung solle 1842 doch bitte auf das Oktoberfest gehen. Keller, 63, weiß-graue Haare mit schwarzen Schläfen, ist Heimatforscher in Fürholzen (Gemeinde Neufahrn, Landkreis Freising). Seine etwa 500 Seiten starke Ortschronik über das 360-Einwohner-Dorf verkaufte sich 600 Mal. Der Finanzbeamte sammelt, archiviert und sichtet durch seine ovale Lesebrille Fotos, Filme und Handschriften. Die Fürholzener bringen ihm alles, was sie zufällig unter ihren Bauernhof-Dächern wiederentdecken. Seit 30 Jahren ist Keller ihre Anlaufstelle, man kennt sich.

Dieses Vertrauen weiß er zu schätzen - und zu nutzen. Systematisch sichtet er die alten, oft geschundenen Werke. So auch das „Befehlsbuch der Pfarrey Fürholzen“. Zwischen 1840 und 1857 notierte Pfarrer Joseph Aigner darin vorschriftsmäßig alle Landgerichtlichen Rundschreiben. 2010 überflog Keller zuerst die Betreffzeilen, dann versuchte er sich an der verblassten Handschrift aus Tinte. Lesen nämlich bedeutet nicht gleichzeitig verstehen. „Die Schrift des Pfarrers ist schwer zu entziffern“, erklärt er. „Und dann die veralteten Formulierungen...“ Für den eine DINA-4-Seite langen Abschnitt über die Wiesn brauchte er sechs Stunden.

In dem Festzug von 1842 präsentierten sich die insgesamt 35 Brautpaare aus dem gesamten Königreich Bayern. Grund war die Hochzeit des Kronprinzen Maximilian mit seiner Marie. Gustav Kraus hat dies in seiner Lithografie „Festzug der 35 Brautpaare“ festgehalten.

Am Ende las er, dass das Oktoberfest 1842 samt Festzug zur Hochzeit des Kronprinzen Maximilian und Marie von Preußen eine „Gesamtangelegenheit“ sei. Und dass „seine Majestät der König allergnädigst ihren Wunsch auszusprechenderweise geruht, dass das ganze Land an dem diesjährigen Oktoberfest teilnehme“. Pfarrer Aigner verkündete das von der Holzkanzel in der Kirche St. Stephanus. Und die Fürholzener folgten dem Aufruf. Ganz Bayern pilgerte zur Theresienwiese, die Fürholzener marschierten in Dachauer Tracht gekleidet die 22 Kilometer nach München. So steht’s in den Aufzeichnungen des Pfarrarchivs. Auch wurde von Freising aus eine Stellwagenfahrt mit Pferdekutschen organisiert.

Und noch etwas verlangte der König, wie Keller herausfand: Seine Majestät suchte laut „Befehlsbuch“ in jedem der acht Regierungsbezirke insgesamt vier Brautpaare „von unbescholtenen Sittenund unzweifelhafter Würdigkeit“. Sie sollten „an den Festtagen selbst ihre Hoheit in München feiern und in provinzieller Tracht und feierlichem Hochzeitszuge bei dem Feste erscheinen“. Das Freisinger Wochenblatt, heute eine Heimatzeitung des Münchner Merkurs (Freisinger Tagblatt), verkündete die Siegerpaare. Sie kamen aus den Landkreisen Berchtesgadener Land, Starnberg, Schrobenhausen und München. Aus Kellers Gegend aber schaffte keines die Hürden. „Ausgerechnet! Wo Freising doch eine alte Pfaffenstadt ist“, sagt Keller und grinst. Trotzdem, so fand er weiter heraus, feierten auch sie pflichtbewusst mit. Das Tagblatt berichtet, wie die Domstädter ihre Straßen mit Girlanden und Teppichen schmückten, um den 31-jährigen Kronprinzen samt 16-jähriger Gattin auf ihrer Reise zur Theresienwiese zu bejubeln.

Kellers „Befehlsbuch“ behandelt dieses Thema nicht weiter. „Schade“, meint er. Aber auf den folgenden, mit Wasserflecken besprenkelten Seiten gibt es noch etwas anderes: „Pfarrer Aigner behandelt ein Wirtshausverbot“, so Keller. „Das könnte interessant sein...“

Angelika Mayr

Bis 31. Oktober

ist die Ausstellung „Das Oktoberfest 1810 bis 2010“ im Stadtmuseum dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Katalog/ Festschrift: 24,90 Euro.

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