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Julie Delpy und Ethan Hawke sprechen im Interview über Romantik, Beziehungsstress und ihren neuen Film „Before Midnight“.

Interview zum Kinostart

"Mit 80 bereit für einen Porno"

München - Julie Delpy und Ethan Hawke sprechen im Interview über Romantik, Beziehungsstress und ihren neuen Film „Before Midnight“.

Mit der Liebesromanze „Before Sunrise“ über die Touristen Céline und Jesse, die eine magische Nacht in Wien verbringen, spielten sich Julie Delpy und Ethan Hawke vor 18 Jahren in die Herzen des Kinopublikums. Neun Jahre später gelang den beiden Co-Autoren und Hauptdarstellern mit „Before Sunset“ die schönste Fortsetzung der Filmgeschichte. Mit ihrem zweiten Sequel „Before Midnight“, das an diesem Donnerstag in die Kinos kommt, sorgten sie heuer auf der Berlinale für Jubelstürme. Bei unserem Interview spielen sich die 43-jährige Französin und der 42-jährige Amerikaner schlagfertig die Bälle zu – wie ein altes Ehepaar.

Wie viel von Céline und Jesse steckt in Ihnen?

Delpy: In Wirklichkeit sind wir ganz anders. Ethan und ich waren nie ein Paar. Trotzdem haben wir versucht, viele persönliche Gedanken und echte Gefühle in den Film zu packen: Unser Baum der Fiktion wächst sozusagen aus der Saat der Wahrheit. Wir wollten authentisch bleiben, damit man als Zuschauer mitfühlen kann. Die Menschen sind ja gar nicht so verschieden. Wir alle wollen geliebt werden – außer vielleicht Ethan, der das nicht nötig hat, weil er sich selbst so sehr liebt.

Hawke: Stimmt. Ich lutsche an meinem Ego wie ein Kind an seinem Daumen. (Lacht.)

Sind Sie Romantiker?

Hawke: Wir hätten diese drei Filme nicht gemacht, wenn wir nicht romantisch veranlagt wären. In „Before Midnight“ haben wir untersucht, ob sich die Romantik in die Ehe herüberretten lässt. Alltag und Beziehungsstress sind ja an sich der Tod jeder Romantik. Kitschige Liebesfilme ignorieren dieses Phänomen, platte Komödien ziehen es zu sehr ins Lächerliche. Beides wollten wir vermeiden.

Delpy: Der große Streit zwischen Céline und Jesse sollte zwar knallhart realistisch sein, aber nicht frustrierend. Wir haben immer wieder Humor eingebaut, um zu zeigen, dass sich die beiden noch lieben.

Gehört Streitkultur zu einer guten Beziehung?

Hawke: Auf diesem Gebiet bin ich kein Experte. Ich habe vier Kinder von verschiedenen Frauen – und stets größte Mühe, eine Beziehung am Leben zu halten.

Delpy: Ich bin deswegen sogar bei vier verschiedenen Therapeuten in Behandlung. Einer von ihnen sitzt gerade unter diesem Tisch und lutscht an meinen Zehen. (Lacht.)

Ihre Dialog-Duelle im Film sind bis zu einer Viertelstunde lang ungeschnitten. Wie haben Sie das hinbekommen? Sind einige Passagen improvisiert?

Delpy: Nein, alles ist bis ins kleinste Detail geplant, geschrieben und geprobt, denn sonst würde das komödiantische Timing nie funktionieren. Da heißt es üben bis zum Umfallen – mit wechselnden Partnern, um nicht in Routine zu verfallen.

Können Sie sich eine weitere Fortsetzung vorstellen?

Hawke: Es wäre toll, fünf oder sechs „Before“-Filme jeweils im Abstand von neun Jahren zu drehen – wie eine Art filmischen Roman. Ich versuche jedes Mal, Julie davon zu überzeugen, dass wir die Beziehung von Céline und Jesse endlich in ihrer Gesamtheit erforschen und die Grenzen des Kunstkinos in Richtung Pornografie verschieben sollten.

Delpy: Und irgendwie schaffe ich es jedes Mal, dieser Versuchung zu widerstehen. Mit 80 Jahren bin ich vielleicht bereit für einen Porno. Solange wir nicht wie das Paar in Hanekes „Liebe“ enden, ist mir alles recht!

Werden Sie nostalgisch, wenn Sie an den ersten Film zurückdenken?

Hawke: Nein, gar nicht. Als junger Mensch war ich extrem unsicher und habe mir ständig Sorgen gemacht, ob mich die Leute mögen oder ob aus mir je ein guter Schauspieler würde. Heute ist mein Leben viel entspannter und interessanter.

Delpy: Auch ich bin heute glücklicher als damals. Wir sind beide nicht von der Vergangenheit besessen, sondern von der Gegenwart – auch als Autoren: Wir beschreiben jeweils eine Momentaufnahme, einen kleinen Ausschnitt aus der Zeit. Die Zeit besteht ja aus einzelnen Momenten.

Hawke: Zeit besteht aus Momenten, meine Damen und Herren. Sie hörten eine neue Folge unserer beliebten Serie „Tiefgründige Gedanken mit Julie Delpy"!

Das Gespräch führte Marco Schmidt.

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