Begegnung mit der unfassbaren Schöpferkraft

- Universum Picasso. Bei jeder größeren Ausstellung mit Werken von Pablo Picasso (1881-1973) überwältigt einen wieder das Gefühl, einer unfassbaren Schöpferkraft zu begegnen. Ölgemälde und Keramiken, Gouachen und Bronzen, Aquarelle und Radierungen, Collagen und Linolschnitte, Zeichnungen und . . . All das in überschäumender Fülle und Vielfalt hervorgebracht - sprudelnd, flutend, genießerisch ausufernd. Kunstmachen als Lebensspiel, als Lebenssubstanz, als Lebenssinn. Die feinste Linie, der zarte Tupfer genauso wichtig wie das farbknallende Riesengemälde oder das harsch gemalte Sich-Vergraben in den Schmerz. Nun also können die Münchner in diesen Kosmos buchstäblich eintauchen.

<P>Im Kunstbau des Lenbachhauses ist nämlich ab morgen die weltweit drittgrößte öffentlich zugängliche Picasso-Sammlung (neben Paris und Barcelona) zu erleben. Damit hat sich die Städtische Galerie, die im Gegenzug einen Teil ihrer Sammlung des Blauen Reiter ans Museum Ludwig gab, die wichtigste und wohl populärste Münchner Exposition in diesem Jahr gesichert. Zumal Picasso in hiesigen Museen nur sehr mager vertreten ist und die letzte richtig umfangreiche Schau 1955 im Haus der Kunst zu sehen war. Mit der Picasso-Collection aus dem Kölner Museum Ludwig ist für einige Monate ein echtes uvre-Panorama in den Kunstbau gekommen. Zu jeder Schaffensphase vom 18-jährigen Pablo, der seinen Papa José´ Ruiz, ebenfalls Maler, porträtierte, bis zum über 90-jährigen Picasso, der sich ausgiebig den erogenen Zonen der holden Weiblichkeit widmete, gibt es Arbeiten. Ebenfalls sind alle Techniken zu bewundern - bis hin zum fröhlich bemalten Keramikteller; und vor allem auch die phänomenalen Grafiken und Zyklen, die wie ein gigantisches Bilderbuch mit Hunderten von Blättern eine der 100 Meter langen Kunstbau-Mauern zur Gänze füllen. Auf diese Weise können die Drucke erstmals komplett präsentiert werden. Das allein schon ein Universum - ein erotisches. Hier wird das Überbordende an Picassos Kunstproduktion zum Programm (Kurator Helmut Friedel) und macht den Betrachter zum erschöpften Empfänger eines geradezu naturhaften Überflusses.<BR><BR>Lust des Schatzsuchers</P><P>Peter Ludwig hatte 1950 über Picasso promoviert, in einer Zeit, da Deutschland noch massiv darunter litt, was die Nazis auch der Kunst angetan hatten. Ludwig, der 1994 und 2001 seine Sammlung Köln überließ, betrat mit der Dissertation Neuland. Alle Picasso-Werke waren aus deutschen Museen getilgt worden. Denn der Spanier war nicht nur "entartet", er hatte es in der Pariser Weltausstellung von 1937 sogar gewagt, mit seinem Monumental-Gemälde "Guernica" gegen die bestialische Kriegsführung der Nazis zu protestieren. Er hatte damit ganz früh die absolute Unmenschlichkeit des Regimes "benannt", das zu "Übungszwecken" eine baskische Stadt und ihre Bewohner zerbombt hatte. <BR><BR>Zu Beginn des Jahrhunderts ließ sich die Beziehung Picasso-Deutschland, vor allem Picasso-München noch gut an. Schon 1910 zeigte die Galerie Thannhauser, die ihm 1913 die erste Einzelausstellung in Deutschland ausrichtete, Bilder des Malers in der Schau der Neuen Künstlervereinigung München. Kandinsky nahm ihn 1911 in den Blauen-Reiter-Almanach auf. Selbst der Erste Weltkrieg konnte die Neugier auf Picasso nicht zerstören. Das besorgten erst die braunen Machthaber. <BR><BR>Entsprechend der Intention der Sammlung von Irene und Peter Ludwig, die auch das Spätwerk nicht naserümpfende beiseite ließen, ist "Picasso in München" chronologisch gehängt, aber immer so, dass sich Bezüge herstellen. Darüber hinaus wurde die lange Hallen-Flucht geschickt rhythmisiert. Ruhe verströmen die langen Wände in Grau, Akzente setzen pompejianischrote, kleine Querwände, auf denen Bild-Highlights aufleuchten. Blickfänge und Appetithappen in einem. Gerade die Bezüge sind es, die eine Art von Schatzsucherlust beim Betrachter wecken. Sieht Picasso zunächst noch die menschliche Figur impressionistisch in Strichen verfliegend, dann zu mageren Elendsgestalten (rosa, blaue Periode) verkrümmt, pointiert er (Kubismus) plötzlich die Charakterzüge eines Menschen wie beim "Bildnis Max Jacob" oder bei der Studie zu den "Demoiselles d'Avignon", jenem legendären Gemälde, dem Kubismus-Mahnmal schlechthin. Die Studie ist im Gegensatz zu dem herben, ernsten Bild ungleich witziger. Picasso fängt mit sparsamsten Mitteln und genial treffsicher einen Körperausdruck von drolliger, kindlicher Unschuld ein, der einen baff sein lässt. <BR><BR>Hier ist einer am Werk, der durch seine Schöpfung den Urzustand des Menschen wieder herstellen will, in dem es Schuld und Unschuld nicht gab. Pablo Picasso wich der schlimmsten Gewalt, der tiefsten Angst, dem herzzerreißenden Leid nie aus, das zeigt die Ausstellung beeindruckend, aber er verlor gleichzeitig den "wahren" Weltzustand nie aus der Seele. Immer wieder kehrte er zu den fröhlichen Nackten zurück, die sich ach so glücklich räkeln - allein, in stürmischer Umarmung oder als Modell vor dem Maler. Diese Natur-Harmonie versinnbildlicht heiter und frei das Werk "Frau mit Vogel" (1968). Eine große Nackte entspannt sich auf ihrem Lotterbett. Der Maler kennzeichnet ihren Leib durch rundliche, weiche Formen, kindlich verzappelte Gliedmaßen und insbesondere einen beschaulichen, versunkenen Blick. Diese Entspanntheit scheint auch die Taube zu spüren, die sich der Frauenhand anvertraut. Und wir spüren, Pablo Picasso führt uns zurück zum Paradies.</P><P>13. 3. bis 27.6.; Eintritt: 7 Euro. <BR>Katalog vom Prestel Verlag: 30 Euro. <BR>Infos, auch über das Begleitprogramm: Tel. 089/ 233 320 00, www.lenbachhaus.de; Führungen: Fax 089/ 233 320 04, Privatführungen: 089/444 780 50, Abendöffnung mit Führung/ Gastronomie: 089/ 233 320 14.<BR></P>

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