Begierden und Kuppeleien am Max II

- Als Ludwig Thoma 1899, im Sprung vom Rechtsanwalt zum Schriftsteller, seinen ersten dramatischen Versuch "Die Witwen" dem Oberregisseur Savits zum Lesen vorlegte, veranlasste ihn dessen Kritik ("Dieses Ei hat keinen Dotter.") seinen Erstling zu vergessen. Wie gut, dass Georg Lohmeier ihn für eine sehr späte Uraufführung 1958 am Münchner Residenztheater bearbeitet hat. Da war dann doch viel Gelb drin - wovon man sich jetzt wieder in der Münchner Kleinen Komödie am Max II überzeugen kann: Peter Bernhardt hat mit einer Crè`me von Schauspielern einen hinreißenden Ehestiftungs-Krimi hingelegt.

<P>Bernhardt lässt den abgehangenen Hautgout des routinierten Boulevards gar nicht erst aufkommen. Da hilft natürlich Ludwig Thoma, Tiefenpsychologe bayerischer Mentalität, der seinen Figuren nicht nur Pingpong, sondern richtige Dialoge, würzige Argumentation zugesteht, hier mit autobiografischer Einfärbung. Der Ehe-Muffel im Zentrum von Luise Deschauers besorgten Haushälterin-Gefühlen und Kuppler- und Witwen-Begierden ist: Rechtsanwalt Stein - mit schlecht laufender Kanzlei. In der verzweifelten Anstrengung seines Schreibers (Frank Jacobson als norddeutsch-nasale Kontrastnote), Prozesse an Land zu ziehen, geraten die Fäden der Damen-Vermittlung durcheinander. Stein, dem die Kuppelei zuwider ist, hält die ihn sogleich entflammende junge Witwe Werneck "tragisch" fälschlich für die von Comic-Love-Dealer Norbert Heckner gekuppelte Witwe Warmbüchler. Aber alles wird gut . . .</P><P>Und was für Schauspielerfarben! Sonja Bastians sportlich-weibliche Natürlichkeit und Barbara de Koys schillernder Tagfalter vom Stamme der "Nutze-die-Gelegenheit". Das Bilderbuch-Schlitzohr von Markus Völlenklee als Dauer-Schlamassel-Hofbauer. Und vor allem Stefan Reck als Dr. jur. Stein: feinnervig und subtil komisch in seiner verwirrten Verzweiflung, jede Äußerung, jede Antwort wie gerade aus dem realen Leben. Anhaltender Applaus fürs gesamte Team. </P>

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