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Immer noch fit auf der Bühne: Mick Jagger während der aktuellen Tour. Auch mit 75 Jahren hat er noch nicht ausgesponnen.

Rock-Legende

Begnadet von Gott – oder dem Teufel: Mick Jagger feiert 75. Geburtstag

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Der Rocksänger Mick Jagger, ehemaliger Bürgerschreck und das Hirn der Rolling Stones, wird heute 75 Jahre alt. 

Mick Jagger kann ganz entspannt sein im Jahr 1964: Sollte seine Karriere als Sänger der Rolling Stones den Bach runter gehen, dann werden sie ihn wieder an der London School of Economics nehmen, die er abgebrochen hat. Die Professoren waren so begeistert von dem fleißigen, pflichtbewussten Schüler, dass sie signalisiert haben: Der darf wiederkommen, wenn er sich ausgesponnen hat. In einem Interview sagt der 21-Jährige über sein Musiker-Dasein: „Ich mache das jetzt schon zwei Jahre – und es läuft ganz gut. Ich denke, wir sind für ein weiteres Jahr oder so ganz gut aufgestellt.“

Mick Jagger und seine Band waren für ein paar Jährchen länger gut aufgestellt, wie man weiß – zusammen haben die Stones heute fast 300 Jahre auf dem Buckel und 300 Millionen Platten verkauft. Und von wegen ausgesponnen: Der Mann, der heute 75 Jahre alt wird, wurde zur Ikone, zum ersten bösen Buben des Rock, von Gott begnadet oder vom Teufel, wer weiß das schon. In den Sechzigern waren sein Aussehen – dicke Lippe, Knackpo, lässige, bei James Brown abgeschaute Tanzschritte – und seine Stimme das Synonym für jugendliche Revolte. Seine Texte handeln von Drogen und Sex und anderen Dingen, die zuvor nicht öffentlich verhandelt worden waren.

Uschi Obermaier: „Oh, da liegt Mick Jagger!“ 

So etwas wie ein Rockstar-Leben musste ja auch erst noch erfunden werden – und Jagger machte sich mit Feuereifer daran, den neuen Posten des Rock-Gottes auszufüllen. Die Damen kamen und gingen. Die schöne Münchner Kommunardin Uschi Obermaier erinnerte sich später: „Das erste Mal, als Mick bei mir in München war und wir miteinander schliefen, wachte ich vor lauter Aufregung früher auf: Oh, da liegt Mick Jagger! Es war ein eigenartiges Gefühl. Mick Jagger – ein Mensch.“

Die Rolling Stones in den Sechzigern: (v. li.) Mick Jagger, Keith Richards, Brian Jones, Bill Wyman und Charlie Watts.

Michael Philip Jagger wurde im Londoner Vorort Dartford geboren, weil es seine Eltern 1943 während der deutschen Luftangriffe nicht mehr nach London hinein geschafft hatten. Man meint die Bomber und Sirenen noch im Song „Jumping Jack Flash“ zu hören: „I was born in a cross-fire hurricane“, singt Jagger da. Ein Problemkind war der spätere Rebell freilich nicht. Und selbst in seinen wüsten Zeiten hatte der verhinderte Wirtschaftsstudent ein Auge aufs Geschäft. Mochte sein Songwriting-Partner Keith Richards noch so sehr eintauchen in den Drogensumpf – Jagger riskierte bei Wein, Weib und Gesang nie zu viel. Er ist das Hirn der Stones, Richards das Herz.

Vielleicht waren die Rollen in der Grundschule schon verteilt. Richards, so heißt es, habe Cowboy werden wollen, Jagger habe sich einen roten Sportwagen erträumt. Als sich die beiden einige Jahre später auf Bahnsteig 2 im Bahnhof von Dartford wiederbegegneten, hatte der Lehrersohn Jagger einen Stapel Blues-Schallplatten unter dem Arm. Man kam ins Gespräch – und das nach Lennon/ McCartney wohl zweitwichtigste Songwriting-Gespann in der Geschichte der Popmusik war geboren: die Glimmer Twins.

Das letzte durchweg brillante Werk wird heuer schon 40 Jahre alt

Die Stones dominierten die Sechziger- und Siebzigerjahre,  und allen voran Jagger wurde zu einer Jetset-Erscheinung. In dem Maß, in dem sich die Boulevardmedien dafür interessierten, ob der Frontmann nun Bryan Ferry dessen Freundin Jerry Hall ausgespannt habe, wurden die Platten der Rolling Stones allerdings weniger aufregend. Das letzte durchweg brillante Werk, „Some Girls“, wird heuer auch schon 40 Jahre alt.

Live sind die Stones freilich auch hochbetagt noch eine Bank, das haben sie vergangenen Herbst auch in München bewiesen. Jagger hüpfte dabei deutlich agiler herum als der arthritische Rest – er hält sich mit einem rigiden Programm fit. Von seinem hagelbuchernen Buddy Keith erntet er für seine Eitelkeit freilich nur Spott.

Überhaupt sind die Scharmützel zwischen den beiden Legende. Jüngste Episode: Richards nannte den achtfachen Vater, fünffachen Großvater und einfachen Uropa Jagger wegen dessen erneuter Vaterschaft einen „geilen alten Bastard“ und empfahl ihm eine Vasektomie: „Es wird Zeit für den Schnitt – du kannst in dem Alter kein Vater mehr sein. Die armen Kinder!“ In seiner Autobiografie hatte Richards außerdem wenig schmeichelhafte Andeutungen über Jaggers kleinen Mick gemacht. Irgendwie raufen sich die beiden aber dennoch immer wieder zusammen.

Eine Autobiografie von Mick Jagger gibt es nicht. „Ich schaue lieber nach vorne als zurück“, sagt er. „Ich will nicht enden wie ein alter Fußballer, der im Pub erzählt, wie er 1964 im Finale die entscheidende Flanke geschlagen hat.“ Überhaupt gibt Jagger erstaunlich wenig von sich preis. Keith Richards sagt: „Mick hält eine Menge zurück. Er besinnt sich auf die Zeit, in der er nur Mick Jagger war, nicht der Star.“ Seine Distanz mache sein Charisma aus, befand einmal die Zeitschrift „Vanity Fair“. „Mick Jagger gehört zu den berühmtesten Menschen der Welt, aber wer ist er wirklich? Weiß er es überhaupt selbst?“ Davon darf man wohl ausgehen. Auch davon, dass er mit seiner Karriere ganz zufrieden ist. Sollte das nicht der Fall sein, könnte der Rebell, der  heute so sehr im Establishment angekommen ist, dass er von der Queen zum Ritter geschlagen wurde, wieder an der London School of Economics anfangen. Dort haben sie ihn mittlerweile zum Ehrenmitglied ernannt.

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