Das Begräbnis der Kunst

- "Die Reise ins Glück" zeigt zufriedene Profile im Bus. Doch die Räder des Gefährts sind umgedrehte, schreiende Köpfe. Auf ihnen lastet die satte Zufriedenheit, ihr Knirschen bringt die anderen ein Stückchen weiter. Deutlicher könnte man den Zustand der Gesellschaft nicht mehr definieren. Felix Droese hat die irritierende, anklagende Arbeit geschaffen - wie er überhaupt ständig die verqueren Vehikel der Gesellschaft in fulminanter Größe und Aggressivität auf ihren unkorrekten Bahnen aufspürt.

<P>Mit ihm erlebt Beuys' soziale Kunst ihre Fortschreibung, hier wird Politik und Leben plakativ, packend und gemein vielschichtig gezeigt. Die kreuzbrave Technik des Scherenschnitts, allerdings collageartig verfremdet mit Karton, Brandspuren, Skelettierungen, wird zum aufreizenden Appell.<BR><BR>In der Bayerischen Versicherungskammer prallt man auf schwarze Kulissen wie auf ein Sinn-Fragezeichen. In München hat man sich bei dieser ersten Werkschau seit 1983 auf die lebensgroßen Anklagen spezialisiert, ohne die subtilen Plakate und Holzdrucke zu vergessen. "Deutschland Schläferland", ein übermaltes Buchposter über "Heilige Räume", versehen mit dem magischen Quadrat eines hebräischen Psalmes, erzählt von Treue und Wahrheit, den Notwendigkeiten, mit denen man laut Droese eine Gesellschaft zusammenhalten kann. Kunst heißt für ihn, aus Beobachtungen ein neues Bild zu schaffen und die Wahrnehmung zu korrigieren. Programmatisch dafür sind stille Collagen wie "Öffne die Augen".<BR><BR>Verfremdete Scherenschnitte</P><P>Sechs Jahre Düsseldorfer Akademie bei Peter Brüning und Joseph Beuys, politisches Engagement, Erfolg bei der documenta 1982, Deutscher Pavillon bei der Biennale in Venedig '88 sind die Stationen Droeses. Geprägt hat ihn auch das katholische Elternhaus. Und so variiert er das Sinnbild der 14 Nothelfer auf seltsame Weise: Ein Aufmarsch knochig-kantiger Figuren endet an einem sargähnlichen Haus, des Menschen letzte Form ist die Auflösung im Notenschlüssel. Ein Spalier von existenziellen, politischen und also künstlerischen Fragen zieht vorbei. Die "Anti-Terror-Einheit auf dem Weg zu einem Begräbnis der Kunst" hängt ihre ausgesägten Organe an den Tropf und rollt in eine totgesagte Zukunft.<BR></P><P>Bis 20. Juli, Katalog 15 Euro, Werkverzeichnis II 39 Euro. Tel. 089/ 2160 26 62.<BR></P>

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