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Gespräch über den  Mann, der sich verbrannte: Zdeněk Adamec. 

Salzburger Festspiele

Abschiedsbrief an die Menschheit

  • Simone Dattenberger
    vonSimone Dattenberger
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Bei den Salzburger Festspielen wurde jetzt im Landestheater Peter Handkes neues Stück  „Zdeněk Adamec – Eine Szene“ uraufgeführt - mit Hans Zischler und Christian Friedel.

Mit ein paar Litern Benzin reiste der 18-jährige Zdeněk Adamec 2003 aus der heimatlichen  Provinz  nach Prag – eine Klosettfrau sprach ihn noch am Morgen. Kurz danach zündete er sich am Wenzelsplatz an. Zdeněk hinterließ einen Abschiedsbrief an die Eltern – und einen an die Menschheit, sogar im Internet, da er wohl ein früher Online-Nerd war. Der Junge lebte im Gegensatz zu seinen Vorgängern wie etwa Jan Palach, die gegen den Terror des sowjetischen Geistes aufloderten, in der Demokratie; der junge Tscheche des frühen 21. Jahrhunderts verzweifelte an Geld- und Machtgier.

Nobelpreisträger Peter Handke (Jahrgang 1942) vollendete im vergangenen Jahr sein jüngstes Stück, „Zdeněk Adamec – Eine Szene“ genannt. Bei den Corona-behinderten Salzburger Festspielen wurde das Werk am Sonntagabend im Landestheater uraufgeführt (Journalisten mussten auf Voraufführung und Premiere aufgeteilt werden). Friederike Heller richtete das Drama, das sich selbst, alle Gewissheiten und Besserwissereien infrage stellt, mit sieben Schauspielern und drei Musikern für die Festspiele ein. Die wollten heuer ihr 100-jähriges Bestehen eigentlich mega-groß feiern. Ungeplant ist nun dieses besondere Gedenken an einen Weltverzweifler und dieses besondere Aufheben aller Sicherheiten – auch des Dramas und der Sprache selbst, wohl in zarter Parallelität zu Hofmannsthals Chandos-Brief – der eigentlich treffende Kommentar zu den Festspielen gerade heute und generell.

Das bedeutet, dass sich Handke nicht allzu wichtig nimmt. In einer Art Regieanweisung, einer sehr poetischen, schreibt er von „Fünf, sechs, sieben, acht, so viele, wie das Spiel, das unsrige, nötig haben wird. Mehr Männer als Frauen? Was ihr wollt – jedenfalls nicht nur ein einziges Geschlecht.“ So erschütternd das Thema des Stücks ist, der Dichter erinnert uns an die Form „Spiel“: das Erproben und Ausprobieren von Möglichkeiten. Und die können zu erweitertem Wissen und ehrlicher Hoffnung werden. UnserSpiel ist eben das Gegenteil von Zdeněks Spiel, den eine Figur im Stück als „Alleinspieler“ charakterisiert. Handke will so oder so kein Spiel auf Nummer sicher. Er möchte ein Spiel, das den Zuschauern einen Insektenblick verschafft. Das Tier erfasst ja mit seinen Facettenaugen ein ganzes Bündel an Ansichten. „Keine Interpretation! So war’s doch ausgemacht für unser Spiel, oder?“, pocht einer der Sprechenden einmal auf die Regeln.

So aufregend, lebens- und erkenntnisnützlich diese Strategie ist, so schwierig ist es, sie für die Bühne zu realisieren. Dazu kommen noch die Probleme bei den Proben durch die Pandemie-Regeln. Bei der Voraufführung im Salzburger Landestheater jedenfalls war große Unsicherheit zu spüren. Leider nicht im produktiven Handke’schen Sinne. Sein Text wurde, so wirkt das wackelige Spiel, weder von der Regisseurin noch vom Ensemble (Christian Friedel, Luisa-Céline Gaffron, André Kaczmarczyk, Eva Löbau, Nahuel Pérez Biscayart, Sophie Semin, Hanns Zischler) durchdrungen.

In dem Bühnenbild von Sabine Kohlstedt, das eine Wandelhalle oder einen Kreuzgang durch nackte Streben andeutet, diskutieren, argumentieren, erzählen, berichten, singen und fantasieren surreal die sieben Leute. Irgendwie kennen sie sich. Irgendwie wollten sie von Adamec reden – oder doch nicht. Von sich selbst und dadurch wieder über den jungen Mann. Anekdoten, Wikipedia-Stakkato, Medienberichte und Kulturbezüge vom biblischen Buch Kochelet über die alten Griechen und  Shakespeare  bis zur Pop-Musik fliegen hin und her. In diesem fein gesponnenen Geflecht braucht es sich in ihrem Metier wirklich sicher fühlende Schauspielkünstler, damit sie all die Unsicherheiten und Sprach-Ansprüche („Wortklauber“) überhaupt aushalten können. Und dann erst können sie sie gestalten.

Am ehesten gelingt das Christian Friedel, der zurückhaltend und aufmerksam agiert. Da Friederike Hellers Inszenierung nur sporadisch die intensive, spezielle Gemeinschaft der Gruppe ausformt, kommt es unweigerlich zu einer Solisten-Revue wie beim Vorsprechen von Schauspielerinnen und Schauspielern. Da zeigt sich die eine sympathisch bescheiden, der andere peinlich eitel und effekthaschend, die nächste krampfhaft aktiv und wieder einer sanft und schüchtern.

Im Grunde sah das Publikum zur Uraufführung den Stand der mittleren Probenphase. Da müsste noch viel Arbeit investiert werden.

Karten: 0043/662/8045-500, info@salzburgfestival.at.

Stück-Buch
Peter Handke: „Zdeněk Adamec – Eine Szene“.
Suhrkamp Verlag, Berlin,
71 Seiten; 20 Euro.

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