„Bei uns soll sich jeder wohlfühlen“

München - Am 10. Juni ist es soweit: Das Museum Ägyptischer Kunst eröffnet seine neuen Räume. Direktorin Sylvia Schoske spricht im Interview über ihre Ziele im neuen Haus und Ideen für die Besucher.

Die Wartezeit war lange. Aber nun, am 10. Juni, kann das Staatliche Museum Ägyptischer Kunst München seine neuen Räume an der Gabelsbergerstraße gegenüber der Alten Pinakothek offiziell einweihen. Das Museumsareal in der Maxvorstadt bekommt damit einen entscheidenden Zuwachs. Und wer gelassen auf Jahrtausende zurückblickt, hat auch kein Problem, als Gebäudenachbarn eine Institution für blutjunge Künste, die Hochschule für Fernsehen und Film, zu akzeptieren. Um Gelassenheit ist Sylvia Schoske, die Museumsdirektorin, ohnehin bemüht – selbst in der aktuellen Hochstress-Phase. Sie hatte sich das ehrgeizige Ziel gesteckt, einerseits umzuziehen und neu zu gestalten, andererseits das alte Domizil im Hofgartentrakt der Residenz bis zuletzt zu bespielen. Beides hat sie durchgesetzt.

Sie fahren mit dem Museum bis zur Eröffnung zweigleisig. Wie ist das mit einer so kleinen Mannschaft zu schaffen?

Durch Selbstausbeutung (lacht). Auch deswegen, weil wir, obwohl wir gerade rasend schnell auf die Zielgerade einbiegen, bei der Arbeit noch Spaß an der Freud haben.

Sie betonen stets, ein Kunstmuseum zu leiten. In der Ausstellung begegnet der Besucher außerdem Religion, Handwerk und sonstigen kulturhistorischen Elementen. Wie geht das zusammen?

Das funktioniert, da wir kein chronologisches Konzept haben. Die größten Räume sind dem Thema Kunst gewidmet – und das bedeutet im alten Ägypten: Rundplastik. Andere Themen gruppieren sich darum herum. Wobei das Besondere an unserem Haus ist, dass es Themen sind, die bei Ägypten zwingend vorkommen müssen: Jenseits und Religion; ansonsten sind es Stoffe, die sich aus unserer Sammlung heraus entwickelt haben. Wir können zum Alltagsleben nicht viel sagen, deshalb ist das kein Schwerpunkt. Wir können allerdings sehr viel zum Königtum sagen. Wir haben darüber hinaus durch die Erwerbungsgeschichte mit Ludwig I. einen Akzent auf Ägypten in Rom. Da sind wir nach den römischen Museen das Haus mit den meisten Stücken. Wir haben, was nicht selbstverständlich ist, einen guten Bestand über die griechische Zeit in Ägypten, die römische und frühchristlich-spätantike. Dieses Haus besitzt außerdem Objekte des antiken Sudan. Wir entwickeln also eine Mischung aus dem, was wir besonders gut können, und dem, was man gemeinhin von Ägypten erwartet. Die Inhalte, die man mit dem Medium Ausstellung nicht gut darstellen kann – ich sage nur: Architektur –, stecken wir in unseren medialen Bereich. Sodass der Besucher auf alle Fälle an irgendeiner Stelle etwas über die Pyramide als Königsgrab erfährt. Wir starten mit Kunst, weil es unser Hauptthema ist – und weil die Menschen am Beginn ihres Rundgangs besonders aufnahmefähig sind. Diese Themenbezogenheit ist in keinem anderen Museum so dominant, außer im Pariser Louvre und Ägyptischen Museum Berlin.

Hatten die alten Ägypter überhaupt einen Kunstbegriff, oder ist das unsere Sicht?

Na ja, Kunst im alten Ägypten ist natürlich keine unabhängige Kunst gewesen, wie wir sie verstehen: ein Künstler, der sich überlegt, in welche Richtung mache ich mich auf, was ist für mich spannend. Kunst im alten Ägypten ist immer eine Auftragsarbeit. Gerade deswegen erzählt sie ja so unendlich viel über die ägyptische Gesellschaft, über die Kultur, die Frage des Individuums, über das Königtum. Sie ist das Medium, aus dem man enorm viel lesen kann, wenn man sie wirklich ernst nimmt. Nicht nur weil sie oft beschriftet ist. Wir Kunsthistoriker unter den Ägyptologen beobachten zum Beispiel, in welcher Epoche Altersbildnisse auftauchen, wann das Porträt eine Rolle spielt, wann ich in einer bestimmten Zeit eher idealisierte Darstellungen finde. Natürlich hat jedes ägyptische Museum Kunst. Aber meistens wird sie missbraucht zur Illustration von auf anderem Wege gewonnenen Informationen. Man muss beides haben, um ein Gesamtbild zu erkennen.

Was ist Ihre Zielsetzung für die Besucher beim neuen Haus?

Erst einmal sollen sie sich bei uns wohlfühlen – und sie sollen Spaß daran haben, bei uns Altägypten zu entdecken. Wir wollen kein verbiestertes Bildungsprogramm anbieten. Nein. Ich möchte das Erkennen möglich machen, dass Altägypten nicht abgeschlossen ist. Natürlich ist es als Kultur abgeschlossen, aber man kann da keinen Deckel draufdrücken. Die Wirkung Altägyptens reicht bis zu uns, und zwar in vielen Bereichen: bei der bildenden Kunst sowieso – Giacometti, Picasso, Rückriem oder Cy Twombly etwa. Aber denken Sie auch an die Religion: Viele Archetypen des Christentums stammen von dort her (Mutter mit Kind, Anm. d. Red.), das ist gar nichts Despektierliches – es hat sich immer eines aus dem anderen entwickelt. Die ägyptische Literatur hat die ersten Formen für uns entworfen: Dort gab’s den ersten Seefahrerroman, den ersten Schelmenroman, das Potiphar-Motiv taucht auf, das Hohe Lied Salomos wäre ohne ägyptische Liebeslieder kaum vorstellbar. Dass dies eine Kontinuität ist, die auf uns wirkt – auch Tod, Jenseits  –, wollen wir vermitteln. Als Museumsmensch möchte man darüber hinaus, dass die Besucher immer wiederkommen. Sicher ist: Altägypten ist nicht einfach abzuhaken. Dass es da unendlich viel zu entdecken gibt, das soll deutlich werden. Uns Menschen des 21. Jahrhunderts geht Altägypten etwas an.

Ihr Museum komplettiert das Kunstareal.

Vielleicht das i-Tüpfelchen.

Na, auf der ältesten Kunst beruhen die anderen Kulturen, mindestens zum Teil.

Ein solides Fundament.

Wurden schon Fühler ausgestreckt, um mal etwas zusammen zu unternehmen?

Nun haben wir das schon immer gemacht. Ich habe das Haus auch den Kollegen angeboten. Es gibt ein Projekt, das hoffentlich im Herbst realisiert wird – es würde die Museen vernetzen: das Kunstareal-Fest. Es gibt dort das Programm, dass ein oder zwei Objekte pro Haus wandern und woanders hinkommen; außerdem, dass wissenschaftliche Mitarbeiter umziehen und dann eine Führung aus ihrem Blickwinkel im anderen Museum gestalten. Es gäbe viele Berührungspunkte – motivliche, stilistische...

Das Ägyptische Museum wird intensiv von Kindern und Schulklassen besucht.

Die museumspädagogische Arbeit ist mir ein Anliegen. Der erste Museumsbesuch sollte ein wunderbares Erlebnis sein. Wir können im neuen Haus mehr Kinder aufnehmen. In der Residenz sind wir längst an die Kapazitätsgrenze gestoßen und mussten Anfragen – Stichwort: Kindergeburtstag – negativ beantworten. Und mehr als zwei Klassen konnten wir nicht gleichzeitig ins Haus lassen, dann war alles voll. Nun funktioniert das mit vier bis sechs Klassen. Wir planen ein Didaktomobil. In diesem Wägelchen ist etwa eine Pyramide. Unsere Werkstattprogramme werden umfangreicher. Wir haben ein breites Angebot für behinderte Besucher. Nicht nur Barrierefreiheit, sondern es wird den Raum „Ägypten erfassen“ geben. Raumtitel sind beispielsweise auch in Brailleschrift vorhanden, es gibt eine ertastbare Leitlinie am Boden.

Sie haben alle jetzt gezeigten Werke restaurieren lassen.

Soweit es nötig war.

Gab es in diesem Zusammenhang neue Erkenntnisse?

Wir kennen unsere Stücke sehr gut, weil wir in den vergangenen Jahren unendlich viele Ausstellungen präsentiert haben. Was sich übrigens als eine ganz, ganz gute Voraussetzung für das jetzige Konzept erwiesen hat. Die größte Überraschung ist jedoch die, wenn man die Werke im neuen Umfeld sieht. Die atmen auf einmal. Manchmal steht man vor einem Exponat und denkt: Das habe ich noch nie so gesehen. Na, das war ja auch der Hauptgrund für das neue Museum. Ich denke, die Wertschätzung unseres Hauses wird steigen. Viele Münchner, die meinen, unsere Sammlung zu kennen, werden dann vieles frisch entdecken. Und: Das Museum ist eben für unsere Sammlung gebaut worden.

Das Gespräch führte Simone Dattenberger.

Informationen:

Feierliche Eröffnung am 10. Juni. Am Sonntag, den 9. Juni, gibt es ab 17 Uhr eine „Prozession“, ein Fest zwischen Residenz und neuem Museum an der Gabelsbergerstraße. 11. bis 15. 6. ist bei freiem Eintritt von 10 bis 20 Uhr geöffnet, danach Di. bis So. ab 10 Uhr; Karte: 7 Euro regulär, sonntags 1 Euro.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Der Mut-Lacher
Mit „Monsieur Claude und seine Töchter“ gelang Philippe de Chauveron ein Riesenerfolg. Nun setzt de Chauveron einen drauf: In „Hereinspaziert!“ übernimmt Christian …
Der Mut-Lacher
Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Sting hat in seinem Musikerleben Songs geschrieben, die heute noch so gut funktionieren wie 1983 oder 1995. Davon macht er in der Olympiahalle Gebrauch - und seine Fans …
Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Im Lenbachhaus geht der Punk ab
Das Münchner Lenbachhaus zeigt in der Ausstellung „Normalzustand“ deutsche Undergroundfilme, die zwischen 1979 und den frühen Neunzigerjahren entstanden sind. 
Im Lenbachhaus geht der Punk ab
Zurück in die Zukunft
Berlin. Harrison Ford und Ryan Gosling stellen in Berlin Szenen ihres neuen Kinofilms „Blade Runner 2049“ vor.
Zurück in die Zukunft

Kommentare