Als das Beichten noch geholfen hat

Ein morbides Spiegelbild der Gesellschaft: Jules Barbey d’Aurevillys großer Roman „Die alte Maitresse“ von 1850

Wie ein Wesen aus ferner Zeit wirkt die Figur der Marquise de Flers aus Jules Barbey d’Aurevillys Roman „Die alte Maitresse“. Und doch fühlt man sich von ihr beim Lesen stark angezogen. Die Marquise ist ein Kind des Ancien Régime, anders als ihr Mann hat sie die Revolution überlebt und die Jahre des Exils stoisch hinter sich gebracht. Mit ihren 75 Jahren hat sie viel gesehen und weiß, dass Gut und Böse, Liebe und Leidenschaft sich schicksalhaft bedingen. Sie hat ihren Montaigne gelesen und ist mit ihm einer Meinung, dass der Schlaf bei alten Leuten den Tod befördert. So bleibt sie des Nachts auf, trinkt Tee, führt Gespräche. Zu ihrer Freundin, der Comtesse d’Artelles, sagt sie hinsichtlich ehelicher Untreue: „Wir sind in der Zeit Laclos’ aufgewachsen, meine Teure, und wir gehören einer Epoche an, in der man solche Dinge leicht verzieh! Seien wir doch gerecht, wenn wir schon nicht nachsichtig sind.“ Nachsicht verweist auf die Tugend dessen, der nachsichtig ist – eine durchaus bürgerliche Gesinnung. Gerechtigkeit gegenüber Menschen einzufordern, weil sie Mängelwesen sind, zeigt hingegen adelige Grandeur.

Im Jahr 1835 – der Bürgerkönig Louis-Philippe ist an der Macht – hat die Marquise de Flers eine lebenswichtige Entscheidung zu treffen: Ihre blutjunge Enkelin, Hermangarde de Polastron, möchte heiraten. Der Erwählte ist Ryno de Marigny, Mitte dreißig und welterfahren. In den Pariser Salons heißt es, Ryno de Marigny sei ein Libertin und Freigeist. Außerdem unterhalte er seit über zehn Jahren eine enge Beziehung zu seiner Maitresse. Allgemein zweifelt man, dass sich Ryno von ihr trennen kann, um Hermangarde ein getreuer Ehemann zu werden. So bittet die Marquise Ryno, auf Treu und Glaube seine Geschichte zu erzählen. Sie, die nächtliche Gespräche so schätzt... Er tut dies, indem er ihr sein bisheriges Leben beichtet. Ja, man hat das Gefühl, dass er aus vollem Herzen beichtet, da die Marquise aus einem Zeitalter kommt, in dem das Beichten noch geholfen hat, weil es ein Spiel war.

Ryno de Marignys Erzählung ist die Geschichte einer Abhängigkeit und daher keine der spielerischen Libertinage. Vor gut zehn Jahren ist er Madame Vellini begegnet, von der alle Männer in den Pariser Salons schwärmten. Als Ryno sie zum ersten Mal sieht, kann er es kaum fassen: Diese Frau ist hässlich! Klein, gelbliche Haut, tiefe Stimme, fast dürr, auf jeden Fall burschikos. Doch als er sie bei einem Souper näher kennenlernt, ändert sich seine Einstellung. Die Vellini ist das Leben selbst, sie glüht, sprüht förmlich, ihre Bewegungen erwecken in Ryno ungeahnte Begierden. Die Vellini beherrscht wie keine andere Frau die Kunst des erotischen Magnetismus. Die Worte Rynos bringen es auf den Punkt: Die Vellini ist „die verlorene Schönheit auf dem Gesicht eines gefallenen Erzengels“. Nach Jahren engen Zusammenseins entwindet sich aber Ryno de Marigny dieser Verbindung, indem er sich in Hermangarde de Polastron verliebt und um ihre Hand bei der Marquise de Flers anhält.

Die Hochzeit zwischen Ryno de Marigny und Hermangarde de Polastron wird vollzogen, und beide lernen einander lieben. Doch Ryno verfällt wieder seiner „alten Maitresse“, wie sich die Vellini selbst nennt. Es kommt zur Tragödie. Die alte Marquise de Flers stirbt und kann nicht mehr helfen. Die madonnenhafte Hermangarde mutiert zur verhärmten Ehefrau. Und Ryno bleibt lebenslanger Gefangener seiner Maitresse. Von ihr heißt es im Roman, sie sei das uneheliche Kind einer spanischen Herzogin und eines Toreros.

Man mag über eine solche Übertreibung des Autors lächeln. Aber die Vellini ist damit das ganz Andere – das gesellschaftlich Illegitime und das ganz und gar körperlich Andere, weil Androgyne. So eine Figur widersetzt sich dem Säurebad der Moral, die Moral nennt sie hässlich. In Wahrheit ist Vellinis Erscheinung das morbide Spiegelbild einer Gesellschaft, die das Wesen der Schönheit und der natürlichen Gesittetheit verspielt hat. Die Männer aber verfallen dieser so fremden Erotik, weil sie das letzte und damit verblasste Zeichen einer Freigeistigkeit abgibt, die erloschen ist und auf deren Wiederkunft keiner mehr zu hoffen wagt.

Barbey d’Aurevillys Roman, den er 1850 abgeschlossen hat, ist eine große Entdeckung für deutschsprachige Leser und mit Sicherheit Weltliteratur. Caroline Vollmanns Übersetzung aus dem Französischen ist schlicht zu loben. Mit großem Feinsinn folgt sie dem Stil des Autors, der keineswegs die Sprache des Ancien Régime neu beleben will, sondern einer Sprache zeitgemäßer ästhetischer Reflexion verpflichtet ist. Er hat einmal gesagt, er habe im Roman „Die alte Maitresse“ das „menschliche Herz“ gemalt, wie es ist. Das stimmt. Und es schlägt noch heute genau so wie damals.

Jules Barbey d’Aurevilly:

„Die alte Maitresse“. Aus dem Französischen von Caroline Vollmann. Matthes & Seitz, Berlin, 510 Seiten; 29,80 Euro.

Andreas Puff-Trojan

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