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Ins Herz der Bayerischen Staatsoper (hier eine Szene mit Tenor Jonas Kaufmann) blickt der Film „Ganz große Oper“. 

Zum Start des 32. Dok.fests

München im Zeichen des Dokumentarfilms

München – Beim Münchner Dokumentarfilmfestival, das am 3. Mai startet, blicken 157 Produktionen aus 45 Ländern auf die Zustände der Welt. Wir stellen einige Höhepunkte des Programms vor: 

In Zeiten von „Fake News“ und „alternativen Wahrheiten“ wird der unbestechliche Blick auf die Wirklichkeit umso bedeutsamer. Gute Zeiten für Dokumentarfilmer. Von 3. Mai an kann man sich in München zwölf Tage lang daran erfreuen, wie erfrischend, ungewöhnlich, irritierend und verstörend Realität sein kann. Zum 32. Mal findet das Dokumentarfilmfestival (Dok.fest) statt, das sich unter der Leitung von Daniel Sponsel endgültig zu einer festen, gut besuchten Größe gemausert hat. 157 Produktionen aus 45 Ländern hat das Team heuer nach München geholt.

Eröffnet wird das Festival im Deutschen Theater

Georg Stefan Troller porträtierte Muhammad Ali.

Los geht’s bei der Eröffnung im Deutschen Theater mit David Borensteins „Dream Empire“, einer bitterbösen Abrechnung mit dem Turbokapitalismus, der im Neonlicht der chinesischen Geisterstadt Chongqing verstörende Blüten treibt. Der Film des dänischen Regisseurs konkurriert mit anderen internationalen Arbeiten um den mit 10 000 Euro dotierten Hauptpreis. Auch „A modern Man“ von Eva Mulvad könnte ein heißer Kandidat für die Auszeichnung sein. Ihr Film stellt einen hochbegabten Milliardärssohn ins Zentrum, der sich zwischen Karriere, süßem Nichtstun und klassischer Musik entscheiden will.

So viele Möglichkeiten haben die Protagonisten in Stefan Eberleins Beitrag „Von Sängern und Mördern“ nicht mehr. Sie sitzen im Knast, irgendwo in Russland. Ihr größter Traum ist es, am populärsten Radio-Gesangswettbewerb des Landes teilzunehmen. Woche für Woche treten die Verurteilten dort an und begeistern ein Millionenpublikum. Eberlein porträtiert die Räuber, Mörder und Schmuggler auf ihrem steinigen Weg zum kleinen Ruhm als Gesangsstar.

In der Reihe „Dok.deutsch“, für die ebenfalls ein Preis in Höhe von 5000 Euro ausgelobt ist, finden sich Produktionen, die sich mit Menschen und Themen im deutschsprachigen Raum auseinandersetzen. Ein Höhepunkt der Sektion dürfte zweifellos das allein formal eindrucksvolle Filmessay „6 Jahre, 7 Monate und 16 Tage – Die Morde des NSU“ des Berliners Sobo Swobodnik sein. Aber auch „Auf dünnem Eis – Die Asylentscheider“ ist ein guter Tipp. Er illustriert die Flüchtlingsthematik von einer anderen Seite. Die Regisseurinnen Sandra Budesheim und Sabine Zimmer durften hinter die Kulissen des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge blicken und mit der Kamera vier Asylverfahren begleiten. Vom persönlichen Gespräch bis zu dem Moment, in dem der Geflüchtete den gefürchteten Bescheid in den Händen hält, vergehen oft Monate voller Ungewissheit. Das ist nicht leicht auszuhalten.

Neben Spezialpreisen für Kamera oder Musik gibt es auch eine mit 3000 Euro dotierte Auszeichnung in der Kategorie „Dok.horizonte“. Ein Publikumsliebling der hier nominierten Filme wird fraglos „Team Gaza“ der niederländischen Filmemacher Frederick Mansell und Laurens Samsom werden. Es geht um eine Fußballmannschaft, die den Menschen im „größten Gefängnis der Welt“, wie die dort Lebenden den Gaza-Streifen nennen, Ablenkung, Freude und Lebenslust bietet. Visuell reizvoll ist auch der französische Film „Swagger“ von Regisseur Olivier Babinet, ein ungewöhnlich poetisch-märchenhaft anmutender Blick auf den gewalttätigen Alltag in den Pariser Banlieues.

Georg Stefan Troller ist die Retrospektive gewidmet

Die diesjährige Retrospektive des Festivals ist dem Filmemacher und Journalisten Georg Stefan Troller gewidmet. Fünf Filme von und zwei über den Mann mit dem radikalen Interviewstil sind zu sehen, darunter der denkwürdige „Muhammad Ali – Der lange Weg zurück“, in dem der beleidigte Ali schließlich vor laufender Kamera zuschlägt. Der mittlerweile 95-jährige Troller hat (nicht nur) das zum Glück gut überstanden. Er wird für Diskussionen und zu einem Werkstattgespräch in München sein.

Ulrike Frick

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