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Architektonische und musikalische Explosion: John Eliot Gardiner mit seinem Orchester im Weltkulturerbe-Bau des Palau de la Música.

SYMPHONIEN-ZYKLUS BEIM FESTIVAL OBERTURA

Gardiners Beethoven in Barcelona: Kunst der Kompromisslosigkeit

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Zwischen klarsichtigem Rausch und Kampf um Brüderlichkeit: Eindrücke von John Eliot Gardiners Beethoven-Zyklus beim noch jungen Festival „Barcelona Obertura“

Barcelona - „Alle Menschen werden Brüder“: Wer’s glaubt. Dieser Mann offenkundig weniger –sonst würde er nicht das Finale der Neunten derart überreizen und überheizen, es in den Irrsinn und Wahnwitz treiben, sodass Choristen, Instrumentalisten, Zuhörern und nicht zuletzt ihm selbst fast das Deo versagt. Brüderlichkeit erfordert viel Arbeit, das bedeutet John Eliot Gardiner mit dieser Aufführung. Und: Beethovens Musik ist eine Kunst der Kompromisslosigkeit, die Neunte damit kein in sich ruhendes Monument, sondern Ausdruck des schier übermenschlichen Kampfs um einen (zu) fernen Zustand.

Der wichtigste Beethoven-Dirigent unserer Zeit wird das in diesem Beethoven-Jahr gleich mehrfach kundtun. Mit seinem Orchestre Révolutionnaire et Romantique, vor 30 Jahren für eine Einspielung der Symphonien des Bonner Meisters gegründet, führt er die Symphonien viermal zyklisch auf. In Chicago, New York und Athen, die Premierenrunde war gerade in Barcelona. Die architektonische Explosion des Palau de la Música mit der Melange aus Jugendstil, Neobarock und katalanischem Modernisme passt dabei perfekt zu Gardiners Interpretation.

Drei Musikinstitutionen machen gemeinsame Sache

Im eng bestuhlten 2100-Plätze-Saal und dank der Wohnzimmer-Akustik trifft die Botschaft Gardiners und Beethovens nicht nur ins Hirn, sondern auch in den Bauch. Zugleich ist dies der vorgezogene Auftakt für „Barcelona Obertura“. Vor drei Jahren wurde das Frühlingsfestival erstmals durchgeführt. Die Katalanen wollen etwas nachholen: In einer Stadt, in der sich die Massen über die Flaniermeile La Rambla schieben und sich die Kartenkäufer vor der Sagrada Familia schlängeln, möchten auch die Anbieter klassischer Musik vom Touristenboom profitieren.

Drei große Institutionen machen dazu gemeinsame Sache: das Opernhaus des Gran Teatre del Liceu, das 1999 eröffnete Musikzentrum L’Auditori mit seinen modernen Sälen und eben der Palau de la Musica. „Aus der Sicht des Fußballs, der Architektur und der guten Küche wird Barcelona international wahrgenommen, jedoch kaum aus der Perspektive der klassischen Musik“, sagt Joan Olle, Generaldirektor des Palau. „Ich weiß, dass wir dabei die Bedeutung von Wien oder London nicht sofort erreichen können, es ist eben ein Langzeitprojekt.“

Die Katalanen zielen dabei nicht nur auf die T-Shirt- und Turnschuh-Touristen. Auch jene Klientel, die den Genuss ihrer Musikstars gern mal mit einem Städtetrip verbindet, soll angesprochen werden. Bislang, so berichtet der Palau-Chef, sind rund 25 Prozent der Konzertbesucher Touristen, der übergroße Rest stammt aus Katalonien. Interessant dabei: Die Ausschreitungen und Streiks der vergangenen Monate, als die Katalanen um ihre Unabhängigkeit kämpften, konnten dem Tourismusboom wenig anhaben, auch nicht vor drei Jahren der Terroranschlag auf La Rambla. „Vielleicht denken sich viele Reisenden, dass ihnen Derartiges auch in Rom oder London passieren kann“, glaubt Joan Olle. „Viel schlimmer für uns war die Finanzkrise vor 20 Jahren.“

Kein anderes Ensemble spielt das so aufregend

Einige Lockstoffe hat das „Obertura“-Festival im Angebot. Neben John Eliot Gardiner konnte Victor Medem, der bestens vernetzte Geschäftsführer und Gründer, heuer zum Beispiel Lang Lang mit Bachs Goldberg-Variationen, Valery Gergiev und seine Mariinsky-Ensembles mit Verdis Requiem oder Philippe Herreweghe mit den beiden Bach-Passionen gewinnen. Das Liceu wird zur Bayreuther Frühjahrsfiliale: Katharina Wagner inszeniert dort den „Lohengrin“ ihres Urgroßvaters mit Klaus Florian Vogt in der Titelrolle. Als Extra gibt es noch das Gratis-Festival „Obertura City plus“. Auf dem Programm steht hier zum Beispiel die zyklische Aufführung aller Beethoven-Klaviersonaten an verschiedenen Orten der Stadt.

Sie alle werden sich allerdings schwertun, um den Auftakt zu übertreffen. Keinen Deut ist Gardiner von seiner Aufnahme der Beethoven-Symphonien vor drei Jahrzehnten abgewichen, im Gegenteil. Die Tempi orientieren sich noch immer an den Metronom-Angaben des Meisters, kaum ein anderes Ensemble kann das so aufregend spielen. Die Naturschilderungen der Sechsten klingen wie Nordic Walking durch Zauberlandschaften, die Rhythmen der Siebten steigern sich ins Delirium, der grobmotorische, volksmusikantische Witz der Achten wirkt bei Gardiner wie eine hemdsärmelige Haydn-Parodie.

Die Neunte als überwältigender Grenzgang

Das Utopische entdeckt er mit dem Orchestre Révolutionnaire et Romantique dort, wo man es kaum vermutet hätte – nicht in der lautstarken Proklamation, sondern in der sanft pulsierenden, von reiner Schönheit und Harmonie durchzogenen „Szene am Bach“ der Sechsten. Oder im wie eine endlose Melodie gesponnenen Orchestergesang des Adagios der Neunten.

Man merkt dem Orchester an, wie anstrengend diese Beethoven-Woche ist. Und zugleich spürt man, wie sehr sich die Musiker immer mehr in einen klarsichtigen Rausch hineinspielen. Als im Finale der Neunten Gardiners Monteverdi Choir und der Kammerchor des Palau gemeinsame Sache machen, drückt es einen in den Sitz. „Freude schöner Götterfunken“, vor allem aber „Seid umschlungen, Millionen“, das wird zum Grenzgang, schroff, laut, überwältigend, ein vielstimmiger, gleißender Strahl.

Jenes Werk, das die Welt nur zu gern missbraucht als Festtagsgarnierung, wird hier zurückgeführt auf seine eigentliche Bedeutung: „Über Sternen“, so textete schließlich Schiller, „muss“ ein Schöpfer wohnen. Gewissheit: keine. So intensiv wie Gardiner hat dies wohl kaum einer den Zuhörern eingehämmert. Vielleicht war’s nur Einbildung, aber die grimmige Beethoven-Büste neben der Bühne hat da kurz genickt.

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