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So kracht Brauchtumspflege richtig: Volksmusikarchivar Ernst Schusser beim Wirtshaussingen in Erding.

Beim Wirtshaussingen darf jeder mitmachen

München - Alte Lieder erleben eine Renaissance: Wer Lust auf Singen in geselliger Runde hat, geht zum Wirtshaussingen.

Zur Not gibt es diesen Trick, Gott sei Dank. Den So-tun-als-ob-Trick. Mund aufmachen, Mund zumachen – ohne Mucks. Darauf bauen die Anfänger, die sich heute zum ersten Mal zum Wirtshaussingen trauen. Die früher in der Schule ganze Lachen geschwitzt haben, wenn sie vorsingen mussten – im allerallerbesten Fall gab der Lehrer grad noch einen Vierer. Und eine Portion Tatzen.

Aber denen hilft der Schusser Ernst schon nei in d’Schuah. Dieser 58 Jahre alte Bilderbuch-Prackl, Chef des oberbayerischen Volksmusikarchivs, steht mit seiner Ziach mitten im Erdinger Mayrwirt. Der Laden gerammelt voll, höchstens stapeln hätten sie die Leut noch können, der Stammtisch muss sich heut oben im ersten Stock treffen. Schusser – mit Bart, Brille und einem gemütlichen Bauch unter dem grün-weiß-karierten Hemd – ist aus Bruckmühl im Kreis Rosenheim angereist, um ihnen in dem dampfigen Saal zu predigen: „Beim Singen gibt es nix Falsches. Bloß Varianten.“

Musik in den Ohren verunsicherter Hobby-Sänger. Weil heutzutage ist das ja so: Ein Florian Silbereisen versingt sich im Fernsehen nur, wenn mal die Playback-Platte hängt. Und Dieter Bohlen schickt selbsternannte Talente beim ersten verstolperten Takt auf direktem Weg heim. Musik, so könnte man meinen, ist nur gut, wenn sie perfekt ist. Aber damit hat die Lehre vom Schusser Ernst, dem Hüter des Volksmusik-Schatzes, nix gemeinsam. Gar nix. Der sagt: „Singt’s ruhig falsch. Die Hauptsach ist – Ihr singt’s überhaupt.“

Am Ende, so viel sei verraten, wollen sie in Erding gar nicht mehr damit aufhören. Junge, Alte. Die mit den tiefen Stimmen, die mit den quietschigen. Anfänger, Profis. Am Ende tragen sie die Ohrwürmer durch die Winternacht heim, sie singen, summen und pfeifen. Ernst Schusser hat es geschafft. Er hat ihnen einen Rausch naufg’hängt. Nicht mit Bier, Wein und Schnaps – aber mit Liedern, die schon vor ganz, ganz vielen Jahren gesungen wurden. Lustig, derb, hinterfotzig. Sie besingen den Säufer, der später einmal hinter einem Bierfass begraben sein will. Den Boarischen Hiasl, diesen Robin Hood der Heimat, der die Jäger an der Nase herumführte. Und das Mädchen, das Brombeeren brocken wollte, freilich nur im übertragenen Sinn – und schwanger heimkam.

Das gemeinsame Singen von alten Liedern erlebt gerade eine fabelhafte Renaissance. Auf organisierten Veranstaltungen wie in Erding funkt es. Von dort wird die Begeisterung hinausgetragen in ungezählte geschlossene und offene, etablierte und spontane Singrunden. Schusser weiß: Das werden immer mehr. Und sie werden immer jünger. Er ist ganz scharf auf das Liedgut, das unorganisiert und ungeordnet im kleinen Kreis gesungen wird, das will er unbedingt für sein Archiv. „Was das Volk von sich aus singt, ist Volksmusik“, sagt er. Das ist der Kanon, der einzige, der wirklich zählt.

Auch Adolf Eichenseer ist jahrelang durch Bayerns Gasthäuser getingelt und hat Lieder gesammelt. Handschriftlich, die Kiste mit Manuskripten daheim in Regensburg ist randvoll. Der 79-Jährige, Ex-Domspatz und pensionierter Musiklehrer, war früher Oberpfälzer Heimatpfleger. Jetzt gibt er Bücher wie „Bairische Wirtshausliader und Trinksprüch“ (Volk Verlag) heraus. Die Titel darin sind grob und manchmal gschert. „Himmel, Arsch und Zwirn“, „Sauf du alter Galgenschlängel“ oder „Jede Nacht muss die Frau auf den Eimer“. Aber so sei dem Volk der Schnabel eben gewachsen, sagt Eichenseer. Die Bücher reißen sie ihm aus den Händen. Das erste („Heit san ma wieder kreizfidel!“) wurde schon nach wenigen Wochen nachgedruckt, im Februar kommt der dritte Band raus. „Die Volksmusik muss runter von der Bühne, rein ins Wirtshaus“, sagt Eichenseer.

Es gibt sogar eine Initiative, die das spontane Musizieren in der Gaststube unterstützt: „Musikantenfreundliches Wirtshaus“ heißt sie, Wirte in ganz Bayern machen mit. Ernst Schusser findet, diese Organisiererei bräuchte es gar nicht. „Bei uns gibt’s das sowieso, ganz unspektakulär und von ganz allein“, sagt er. Und: Kein Wirt brauche die Gema, die für ein bisserl Musik die Hand aufhält. Der Bayer, der war halt schon immer gern rebellisch. Und wer von Natur aus zum Aufstand neigt, der hält sich nicht immer gern in Chorknaben-Manier an Noten, Zwei-Viertel-Takt und Achteltriolen.

Beim Mayrwirt in Erding sind manche dann doch recht froh um die kleinen Heftl, die Ernst Schusser ausgeteilt hat. Eines weiß, eines hellgrün. „Wirtshauslieder Teil II“ und „Balladen, Moritaten und gesungene Geschichten IV“. Ab und zu mal Reinspitzeln ist erlaubt, bringt aber nichts. Nicht, wenn einer wie der Schusser mit seiner gewaltigen Stimme und der Diatonischen das Regiment führt. Den Text dichtet er immer wieder spontan um – ein Test, damit sie ihm zuhören, mit ihm singen, und nicht nach den Buchstaben. „Nur so kracht’s richtig“, ruft er in den Raum. „Arschbacken zam! Und noch mal von vorn!“ Wirtshauskultur in Reinform. Und alle machen mit.

Seine Rolle bei Singrunden wie diesen, das sagt Schusser über Schusser, ist vergleichbar mit der einer Animierdame in einer Rotlichtbar. „Das ist wie ein Tanz an der Stange“, sagt er augenzwinkernd und sein ganzer Körper lacht. Aber: „Danach bin ich fertig.“

Wäre Ernst Schusser ein Nachplapperer, ein „Ich mach alles mit, was grad modern ist“-Typ, dann würde er das Wirtshaussingen vermutlich umtaufen. In „Selbsterfahrungsgruppe“. Hier merken die Leut: Singen, das gehört zum Leben wie Essen, Trinken, Schnaufen. Beim Singen, egal ob in der Stube daheim oder am Stammtisch, da zieht’s Dir die Mundwinkel mit aller Kraft nach oben. Wehren zwecklos, Tricksen überflüssig. Was für ein Glück.

Carina Lechner

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