Beinahe Kafkas Urenkel

- "Adam Who?" Weil der 23-jährige Adam Green in seiner Heimat nicht mit gängigen Moralvorstellungen vereinbar ist, kennen ihn dort die wenigsten. Hierzulande jedoch reißen sich Medien wie Publikum um den bleichen New Yorker Zottelkopf. Green macht auch auf seinem neuen Album "Gemstones" wieder außergewöhnlich schöne Popmusik. In seinen surrealen Texten koexistieren friedlich Liebeskummer, Dostojewski und Oralsex. Und bei Suhrkamp ist mittlerweile Adam Greens "magazine" erschienen, das Buch des Beinahe-Urenkels von Franz Kafka.

<P>Sie scheinen die Welt in all ihren Ungereimtheiten und Widersprüchen in einem zweiminütigen Popsong abbilden zu können. Damit stehen Sie derzeit ziemlich alleine da.<BR><BR>Green: Ich schreibe einfach Songs, die zu singen sich für mich gut anhört. Am wichtigsten ist mir, dass ich nicht auf die Bühne gehe und mich beim Singen fühle wie ein Trottel.<BR><BR>In Ihren Texten stehen Liebe und Obszönität, das Böse und Schöne nebeneinander.<BR><BR>Green: Ja. Mit diesem Kontrast verschiedener Gefühlsebenen wird der Song realistischer. Meine Persönlichkeit steckt in diesen Kontrasten. Ich weiß nicht, warum niemand sonst solche Songs schreibt.<BR><BR>Können Sie sich vorstellen, warum man Sie gerade in Deutschland so sehr schätzt?<BR><BR>Green: Eigentlich nicht. Ich denke, dass ich einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort war. Es könnte auch was mit meinen deutschen Vorfahren zu tun haben. Journalisten sagten, meine Musik erinnert sie an Kurt Weill. Ich weiß nicht, ob dass stimmt. Aber es sagt wohl auf jeden Fall etwas darüber aus, dass ein Bedürfnis dafür da zu sein scheint, dass etwas von der jüdischen Kunst-Tradition, die Deutschland während des Zweiten Weltkriegs verlassen hat, wieder zurückkommt - was meine Familie einschließt.<BR><BR>Franz Kafka wäre beinahe Ihr Urgroßvater geworden. Stimmt das?<BR><BR>Green: Ja, Felice Bauer war meine Urgroßmutter. Sie war mit Kafka verlobt. Es gibt ein Buch mit den Briefen, die er ihr geschrieben hat, "Briefe an Felice". Ich weiß nicht allzu viel von der Beziehung. Ich habe Kafka in der Schule gelesen wie jeder andere auch. Ich besitze allerdings einige von den originalen Briefen.<BR><BR>Was bedeutet Ihnen das?<BR><BR>Green: Ich weiß nicht. Das ist alles weit weg. Sie war tot, bevor ich auf die Welt kam. Ich wusste immer, dass ich deutsche Vorfahren habe und dass meine Familie vor dem Krieg in Berlin gelebt hat. Einer der seltsameren Momente war eher, als ich im Berliner Hebbel-Theater aufgetreten bin, denn mein Großvater hat dort in einem Stück gespielt, als er ein Kind war. Es war komisch, nun auch auf dieser Bühne zu stehen.<BR><BR>Ist es ein merkwürdiges Gefühl, in einem Land erfolgreich zu sein, aus dem die Großeltern vertrieben wurden?<BR><BR>Green: Vielleicht sollte es das, ist es aber nicht so sehr. Auch wenn meine Familie von hier vertrieben wurde, so war sie doch deutsch. Und heute scheint es, als hätten sich die Rollen in manchen Dingen umgekehrt. Deutschland scheint der beste Ort zum leben zu sein, hier ist es am liberalsten, die Leute sind so ausgeglichen.<BR><BR>Versteht man Ihre Art der Romantik in Europa besser?<BR><BR>Green: Ich glaube, wenn meine Arbeit die Leute in meiner Heimat erreichen würde, könnten die auch etwas damit anfangen. Aber wegen der Art und Weise, wie bei uns Zensur ausgeübt wird, bringen die Medien nichts über mich. Hier hat man die Chance zu entscheiden, ob man sie mag oder nicht. In meinem Land gibt es diese Möglichkeit nicht.<BR><BR>Wie fühlt es sich da an, wenn deutsche Zeitungen Sie als "den neuen Bob Dylan" bezeichnen?<BR><BR>Green: Ich nehme das mal als Kompliment. Aber ich nehme es auch nicht allzu ernst. Es könnte doch immerhin sein, dass ich der erste Adam Green bin.</P><P>Das Gespräch führte Johannes Löhr</P><P>Adam Green: "magazine". Aus dem Amerikanischen von Thomas Meinecke. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M., 128 Seiten; 7,50 Euro. Green spielt am 22. Februar in der Münchner Muffathalle.<BR><BR> </P>

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