Beinahe ein Kreuzweg - Mit literarischer Meisterschaft Abschied vom alten Leben

München - "Gibt es noch Märchen zu erzählen wie die deinigen", fragt der gewesene Schriftsteller Anfang des 21. Jahrhunderts Österreichs großen Dramatiker der Biedermeierzeit, Ferdinand Raimund ("Alpenkönig und Menschenfeind"). Und der Alte antwortet: "Nein. Oder bestenfalls in Bruchstücken, Märchen, die eine Sekunde dauern."

Aber unser Zeitgenosse fragt weiter: "Hätte ich, statt aufzugeben, weiterschreiben sollen?". Darauf Raimund: "Nein. Denn du bist, wie ich, unfähig, vom Bösen zu erzählen und einen Bösen, einen von Grund auf Schlechten darzustellen. Und es gibt die Teufel, damals wie jetzt, und jetzt schlimmer denn je. . . Du aber ­ du aber bist vielleicht ein Spieler, aber kein Gewinner. Und auch als Schreiber wärst du inzwischen ein Verlierer. Denn bei dir, wie zu meiner Zeit bei mir, würde das Gute siegen. Und anders wie mir würde niemand mehr dir glauben."

In seinem jüngst Werk, der umfangmäßig ausufernden Erzählung "Die morawische Nacht", hat sich Peter Handke (65) den bestmöglichen Paten ausgewählt. Der Dialog mit Raimund, fiktiv, vielleicht ein Traum, wie insgesamt die ganze erzählte Geschichte ein Traum sein könnte, ist ein erstaunliches Bekenntnis des Kärntners Handke zu literarischer Herkunft und Tradition. Und überhaupt ist das soeben erschienene Buch eine erstaunlich offene, gleichsam kritisch-ironische Selbstbefragung. Hier gibt sich ein Dichter preis, der in den letzten Jahren durch sein politisch unangenehm auffallendes serbisches Engagement für negative Schlagzeilen gesorgt hatte.

Nun scheint es, als habe sich Handke mit der "Morawischen Nacht" innerlich von Serbien, von Jugoslawien, dem er nachtrauert, verabschiedet. Dazu ersann er eine Rahmenhandlung. Schauplatz ist der Balkan, das Dorf Porodin, eine serbische Enklave im Kosovo. Ganz genau: das auf dem Fluss Morawa festgemachte, einstige Hotelboot "Morawische Nacht". Das ist der Wohnsitz von Handkes Hauptperson: einer, der einmal ein Autor war. An seiner Seite: eine geheimnisvolle Schöne. Der Ex-Dichter mit der Papierallergie hat sieben Freunde aufs Boot geladen. Sie alle sind gekommen, um den Erzählungen von seiner Rundreise zu lauschen: wie er sich von Porodin mit dem Bus aufmacht nach Belgrad, dann an die Adria, weiter nach Spanien und über den Harz, dem Herkunftsort seines ihm unbekannten Vaters, und Wien wieder zurück nach Porodin, heim aufs Schiff.

Eine Nacht lang erzählt er. Am Ende hat sich die Wirklichkeit verändert ­ der Fluss ist versiegt, die Enklave gegenstandslos, das Boot zum Einbaum geschrumpft. Alles nur Traum? "Was hatte er bloß bei den Verlorenen auf dem Balkan zu suchen gehabt? Warum sie nicht ihrem Schicksal überlassen?" Für eine Sekunde das Aufblitzen von Hoffnung, von Leben ­ ja, vom wieder Schreiben-Können. Auf diese Sekunden, "die das Vorausgegangene und das Folgende in sich vereinten", kommt es dem Autor an. Auf diese blitzartigen Augenblicke, die dem Leben eine Wende, eine Richtung, einen Sinn geben können. Diese Momente allerdings werden einem beim Lesen des neuen Handke zunächst sehr lang. Mit einiger Geduld muss man sich durch die ersten Seiten kämpfen.

Die Rahmenhandlung des Beginns, das Eintreffen der Gäste auf dem Schiff, das Geheimnisgetue, die Fremdartigkeit ­ das alles nervt in seiner altmodisch-betulichen Ausführlichkeit. Dass dieser Ex-Dichter mit seinen Geschichten einen über 500 Seiten lang in seinen Bann ziehen würde, will man kaum glauben. Und ist umso glücklicher, dann doch wieder dem typischen poetischen Handke-Sound zu begegnen ­ und ihm als Leser zu erliegen.

Denn dieser Handke hat in dem gewiss auch autobiografischen Buch unheimlich viel zu sagen. Die Trauer und den Zorn über den Zerfall des Mehrvölkerstaates Jugoslawien, eines Handkeschen Ideals, legt er in den Mund des Busfahrers, mit dem der Erzähler von Porodin nach Belgrad fährt. Und noch einmal streift er damit die Bluttaten, Vertreibungen und Racheakte der Menschen dieses von Hass und Krieg geschundenen Landes. Aber schon an der Adria wandelt er auf den Spuren seiner eigenen Jugend und einer frühen Liebe, der er wie einem Gespenst wiederbegegnet.

Die Meisterschaft seines Schreibens wird immer wieder offenbar; etwa wenn Handke, der Frauenliebhaber, sich schuldvoll anklagt, im Laufe seines Lebens zum Verräter an den Frauen geworden zu sein. Ein Verrat, der, nicht uneitel, dem Schreiben geschuldet sei. "Er hatte als der Schreiber, als der er sich verstand, kein Recht, zugleich mit einer Frau zu sein. Er durfte keiner Frau Mann sein." Ein Egoismus, der ihn sogar zum Schläger werden ließ. Dennoch: "Mitsamt seinem Scheitern glaubte er weiter an die Geschichte zwischen Mann und Frau."

Und Handke findet dafür die reinsten poetischen Wendungen. Er schwelgt in bewusst gewählten, sozusagen unmodischen Worten und Formulierungen. Fabelhaft, wenn er gewitzt und selbstironisch anspielt auf frühere Texte von sich. Und wenn er berichtet von dem absonderlichen Symposion für Geräuschkranke im spanischen Meseta oder dem absurden Weltmaultrommeltreffen in einem irrealen Gasthof.

Handkes Buch zählt 13 Kapitel. Eins mehr und die Reise seines Helden wäre zum Kreuzweg geworden. Verraten wurde auch er ­ von Melchior, dem Dichterkollegen und Schreiber für diverse Zeitungen: "Eure Dichterliteratur, eure gedichteten Bücher, sie haben ausgespielt", ruft der ihm zu, um ihn wenig später in einem Artikel öffentlich zu brandmarken. Gleichwohl naht Rettung (Erlösung?) ­ von einer jungen vorbehaltlos Lesenden im Zug. Von der neuen Generation. Und einer Zeit nach Jugoslawien. Der Dichter Peter Handke hat sich frei geschrieben. Und der Leser folgt ihm dabei mit Genuss.

Peter Handke: "Die morawische Nacht". Suhrkamp, Frankfurt a. Main, 561 Seiten; 28 Euro.

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