"Wo beiß' ich rein"

- Wenn Mozarts "Zaide" heute bei den Salzburger Festspielen auftaucht, dann wird sie nicht allein auf der Bühne des Landestheaters stehen. Denn zugleich mit dem unvollendet gebliebenen Deutschen Singspiel aus den Jahren 1779/80, einem Vorgriff auf "Die Entführung aus dem Serail", erscheint "Adama", eine Oper von Chaya Czernowin. Regisseur Claus Guth, der das "Gesamtkunstwerk" in Salzburg inszeniert, gefiel Mozarts Fragment so gut, dass er keine Komplettierung anstrebte, sondern einen "Kontrapunkt" suchte.

Zusammen mit Festspiel-Intendant Peter Ruzicka nahm er die israelische Komponistin Chaya Czernowin "ins Visier", deren aufwühlendes Musiktheater "Pnima" er vor einigen Jahren bei der Münchener Musik-Biennale uraufgeführt hatte.

Wie reagierten Sie auf den Antrag?

Chaya Czernowin: Mozart war mir zunächst sehr fremd. Dem revolutionären Beethoven mit seinen Brüchen stand ich viel näher. Außerdem hatte ich Angst, in ein postmodernes Fahrwasser zu geraten.

Wo versuchten Sie anzusetzen?

Czernowin: Wie und von wo aus könnte ich Mozarts "Zaide" attackieren, wo beiß' ich rein - das war eine entscheidende Frage. Zunächst tauchte eine Struktur auf: Ich betrachtete die Mozart-Arien als alte Häuser, die stehen geblieben waren, und dazwischen gab es Inseln, auf denen ich eine neue Architektur errichten, eine neue Sprache etablieren konnte.

Zielt das auf eine große Reibung hin?

Czernowin: Das war die Basis. Aber im zweiten Akt kommen die beiden Schichten zusammen.

Absichtlich?

Czernowin: Es hat sich so entwickelt. Genauso wie die für mich ganz unübliche Arbeit mit Motivsplittern, die ich erst beim Hören entdeckte, und die aus meiner Lieblingsarie der Zaide, der Philomele-Arie aus dem zweiten Akt, stammen. Ich benutze sie schon im ersten.

Kommt es auch zu musikalischen Überlappungen?

Czernowin: Ja, das ist quasi die Radikalisierung des Kontrapunktes. Das ist sehr riskant, und die Verantwortlichen hatten wohl auch etwas Angst davor. Es gibt ja zwei Orchester, das Mozarteum Orchester unter Ivor Bolton und das Österreichische Ensemble für Neue Musik unter Johannes Kalitzke. Dazu kommen in beiden Stücken unterschiedliche Solisten.

Wie funktioniert der Ablauf, gibt es immer abwechselnd eine Arie von Mozart und dann eine von Ihnen?

Czernowin: Ich fange an. Das war mir wichtig. Man muss sich bewusst werden, wie ein Dialog entsteht. Mozart ist sozusagen ein toter Partner, und wenn ich einen lebendigen Dialog will, dann muss ich sehr genau darauf achten, was er macht - vorher und nachher. Beide Akte enden mit Mozart. Der erste mit dem Terzett, der zweite mit dem Quartett, vor dem allerdings alle Sänger und beide Orchester sich zu einer Art Gebet, einer Reflexion zusammenfinden.

Sie haben also ein großes Ensemble komponiert.

Czernowin (lacht): Es ist der stillste Moment in der ganzen Oper, aber alle nehmen daran teil.

Sie reagieren auf die "Serail"-Geschichte, diese vom Geist der Aufklärung geprägte Orient-Okzident-Auseinandersetzung, mit einer Liebesgeschichte zwischen einer Israelin und einem Palästinenser.

Czernowin: Ich bin Israelin, habe 25 Jahre dort gelebt. Ich habe den Konflikt gelebt. In den vergangenen Jahren war ich allerdings in den USA und litt unter den schrecklichen Nachrichten, die aus Israel kamen. Es wuchs eine unglaubliche Wut in mir gegen alle Fundamentalisten. Diese Gefühle mussten raus. So entwickelte sich das Ganze, aus Mozart und meiner Emotion.

Sie benutzen für Ihre Arien Wörter aus den Mozart-Arien.

Czernowin: Ja, man geht in ein Wort hinein, leuchtet es musikalisch aus und findet ein Universum. Die Musik kann dem eine Form geben. Es sind nur wenige Wörter, die zusammenmontiert wurden. Es wird auch wenig gesungen, meist geflüstert oder gesprochen.

Stehen Sie auf Seiten der Frau oder des Mannes?

Czernowin: Sie sind für mich eine Partei, sensibel, individuell, introvertiert. Ich bin mit ihnen beiden. Sie werden zerstört von einem Kollektiv, von ihrer Prägung, die vergegenwärtigt wird von einem archetypischen Vater. Er ist ein Fundamentalist, strahlt auch diese attraktive Macht aus. Ich wollte zeigen, wie gefährlich das ist, zu einer Gruppe zu gehören. Man wird in etwas hineingeboren, hat dort seine Wurzeln. Dann heißt es, das sind wir, das sind die anderen. Natürlich spiegelt sich darin auch mein eigener Kampf mit meiner Nationalität. Man muss versuchen, auch damit in einen Dialog zu kommen.

Sind Sie eine politische Komponistin?

Czernowin: Nein. Meine Musik dient nicht der Politik, aber natürlich steckt dahinter immer auch eine subjektive Gesamt-Idee. Starke Musik ist auf eine sehr persönliche Art und Weise immer auch eine Deklaration.

Das Gespräch führte Gabriele Luster

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