Der beißt nicht

- Also wo jetzt genau. Ist sie dort, "wo die Rechnungen ankommen" (Heiner Müller)? Oder ist Heimat gar der Ort, "an dem noch niemand angekommen ist" (Novalis). Da legen die sieben Suchenden doch lieber erst einen Zwischenstopp ein: zwischen Bierbänken, für eine musikselige Nacht. Und sie träumen - mit unterschiedlicher emotionaler Ausprägung - von New York, Chicago ("da derf ma noch richtige Hochhäusa bau'n") und Buenos Aires, von Nana Mouskouri und vom Soldaten am Wolgastrand, vom brennend heißen Wüstensand und dem einen kühlen Grunde. Vui G'fui, und keine griffige Antwort.

<P>Aber das hatte Franz Wittenbrink mit dem aktuellen Produkt aus seiner Programm-Fabrik, mit dem Heimat-Liederabend "Kein schöner Land" für die Münchner Kammerspiele, ohnehin nicht als Zielvorgabe. Eine schwer mit Geschichte, Vaterland und Mia san mia befrachtete Problematik, gewiss. Doch Wittenbrinks Abende geben sich ja nie als fest gefügte Konkretheit, sondern als Assoziationsfeld, als muntere Einkreisung eines Themas, ohne es ganz (er)fassen zu wollen. Passende Songs und Volksweisen werden locker zur Schlagerparade gruppiert, manchmal umgedichtet und mit Rahmenhandlung notdürftig gekittet.</P><P>Im Falle Heimat heißt das natürlich Brecht, Heine und Hölderlin, heißt aber auch Haydn, Rammstein, Schumann und Bally Prell. Es treten auf: der alkoholisiert tänzelnde Wirt, das coole Girlie, der Intellektuelle, der doch so gern ein Latin Lover wäre, oder der alte, müde am Biertisch zusammengesunkene Mann, von Toni Berger zu einem berührenden, zerknitterten Monument des Grants und der Altersweisheit gezaubert. Warum gerade Berger Interesse ansaugt, erschließt sich leicht. Denn Programme à la Wittenbrink leben von der Fallhöhe, vom Zusammentreffen scheinbar unvereinbarer Dinge, aus dem Skurrilität, kabarettistische Kritik oder, ach ja, Humor erwachsen können.</P><P>Denn wenn Berger auf die Bank steigt, um mit ehrlichem Pathos und fester, schöner Stimme das Wolgalied zu singen, wenn sein rappender Bühnenenkel Christian Friedel, der sich für Jugendlichkeitsanfälle des Opas schämt, den Song "Papa will da nich mehr wohn'" als anklagende Stasi-Story fetzen lässt und wenn Stephan Zinner als eigentlich kerniger Wirt Frank Sinatras "My Kind of Town" verklemmt säuselt, dann funktioniert der Abend.</P><P>Weniger dort, wo er ins 1:1 gleitet, wo ausgestellte Ambition vorherrscht und Kritisches inklusive Betroffenheits-Generalpausen von Vaterland über Judenschicksal bis zum Deutschlandlied mehr ab- als eingearbeitet wird. Da sagt doch ein Jodeln von Berivan Kaya mehr als ein pflichtschuldig eingepasstes jiddisches Lied . . .</P><P>Egal, als amüsantes, 90-minütiges Scherzo zwischen Volkstum, sanftem Kabarett und Marthaler light hat "Kein schöner Land" seine Berechtigung: Beißt gar nicht, spielt halt bloß. Aber das sehr unterhaltsam, auch wenn Handlung oder Heimat bald gar nicht mehr interessieren. Und Nummern wie "Härter wern" auf einen Bob-Marley-Reggae oder "Guten Tag" der Berliner Band "Wir sind Helden", die wären glatt CD-tauglich dank des höchst animierten Ensembles.</P><P>An der Spitze das starke Trio Berger/ Zinner/ Friedel. Dazu Annette Paulmann als G'schaftige mit Hang zur Groteske, Anneke Schwabe als wie aus "Superstar"-Shows importierter Teenie, Hannes Hellmann, dieser intellektueller Softie kurz vor der Midlife-Krise, und Berivan Kaya als Quoten-Exotin. Plus Wittenbrink selbst am Klavier und seine im steten Understatement rockenden, walzenden, swingenden Musiker, eine zur Combo umfunktionierte, weißblaue Wirtshausmusi.</P><P>Am Ende sind sechs von dannen getaumelt, der Grantler bleibt müde zurück. "Mich wundert, dass ich so fröhlich bin" singt's von fern: So pessimistisch muss man den Abend ja nicht gleich bilanzieren.<BR></P>

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