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Das größte Pfund der Inszenierung von „Frühlings Erwachen“ im Münchner Marstall: die sehr talentierten, jungen Laiendarsteller.

Premierenkritik

Mit beklemmender Dringlichkeit

München - Anja Sczilinski inszenierte mit jugendlichen Laien im Münchner Marstall „Frühlings Erwachen“ nach Frank Wedekind. Eine Premierenkritik.

Eckig, starr und streng symmetrisch ist die Welt. Denn sie besteht aus grauen Riesenbauklötzen, die Ausstatter Peter N. Schultze in den Marstall des Münchner Residenztheaters gekantet hat. In diesem Zwischending aus Irrgarten und Arena, wo man ständig aneckt, haben die Kids ihren Auftritt, mit Kapuzenpullis, superkurzen Röckchen und Markenturnschuhen, wie sich’s gehört. Während die Mädels sich zu Kreisch-Orgien zusammenkuscheln, machen die Jünglinge einen auf cooler Rapper („Alles klar, Alter“), und der DJ oben am Pult, eine Art Pfarrer auf der Kanzel, sorgt für die volle Dröhnung; auf dass die Gemeinde im Club, der früher Disco hieß und demnächst wieder anders heißen wird, so richtig abhotten kann oder rumraven oder wie das Modewort dafür grade lautet.

Was der Autor Nuran David Calis und die Regisseurin Anja Sczilinski da ausgeheckt haben, hätte leicht schiefgehen können: Ihre betont zeitgemäße Adaption von Frank Wedekinds berühmtem Pubertäts-Drama „Frühlings Erwachen“ hätte abrutschen können in peinliche Anbiederung. Dass über weite Strecken nichts dergleichen passiert und dass diese Aktualisierung erstaunlich gut aufgeht, liegt aber auch an den Darstellern: Denn Melchior, Moritz, Wendla, Ilse und all die anderen Teenager, deren Seelennöte, Selbstmorde und ungewollte Schwangerschaften Wedekind schildert, werden von Laien gespielt. Von sehr talentierten „echten“ Jugendlichen, die genial mit ihrem Pfund wuchern: gerade das „Halbfertige“ ihrer Darstellung passt punktgenau zum Thema des Stücks und gibt den Figuren eine manchmal fast beklemmende Dringlichkeit. Nur die Eltern, Vertreter der genormten Bauklötzchen-Welt, sind Profis: Ulrike Willenbacher im Business-Outfit gibt eine betuliche Mutti und Gerhard Peilstein einen Spießer-Papi.

Erstaunlich, dass diese Adoleszenz-Tragödie, die doch ein Angriff auf die Lustfeindlichkeit und verkrustete Moral der wilhelminischen Epoche war, in unseren liberalen Porno- und Patchwork-Zeiten noch so aktuell wirkt. Was wohl daran liegt, dass Wedekind den Mythos der Pubertät, an dem er munter mitstrickt, zugleich entlarvt: Als Erfindung des bürgerlichen Zeitalters, die den Konflikt zwischen Autonomie-Interessen Halberwachsener und Funktions-Interessen der Gesellschaft sexualpsychologisch privatisiert: So als handle es sich da nicht um einen objektiven Widerspruch, sondern um ein subjektives Problem „in“ den Jugendlichen.

An dieser Konstellation hat sich bis heute nichts geändert. Im Gegenteil, die Kids greifen die Pubertäts-Folklore, die den Konflikt kanalisieren soll, prompt auf und folgen den ach so rebellischen Verhaltensmustern des „Pubertären“, die ihnen angeboten werden – ohne zu merken, dass sie genau damit in die Konformismus-Falle gehen. Das zeigt die Regisseurin in den besten, künstlich stilisierten Szenen des Abends, in denen die Darsteller im verhalten zuckenden Tanz-Gleichschritt wie Automaten agieren.

Heftiger Jubel.

Von Alexander Altmann

Nächste Vorstellungen  sind am 17., 28. Mai sowie am 1., 2. und 4. Juni; Telefon 089/ 21 85 19 40.

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