Wer bekommt den Marstall?

Vierter Konzertsaal geplant: - "Die Situation ist inakzeptabel", wetterte Mariss Jansons schon kurz nach seinem Amtsantritt. "Ich kann nicht glauben, dass es in München kein Geld für einen neuen Konzertsaal gibt." Belächelt wurde der Dirigent wegen seines unermüdlichen Einsatzes. Doch der Chef des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks ließ nicht locker, antichambrierte bei den Politikern und fand in Bayerns Finanzminister Kurt Faltlhauser einen Bundesgenossen ­ eine eigene Heimat für dieses Weltklasse-Ensemble, das müsste doch zu machen sein.

Nach der gestrigen Kabinettssitzung scheint tatsächlich Bewegung in die Planung gekommen zu sein. Zwar steht ein offizieller Beschluss noch aus, doch der Ministerrat kann sich mit einem Ideenwettbewerb für den Münchner Marstall anfreunden. Der wird derzeit als kleine Bühne des Staatsschauspiels, als Kulissendepot und von den Werkstätten genutzt. Und genau auf dieses Gebäude hinter der Residenz hat es das BR-Orchester abgesehen.

Oper und Staatsschauspiel wollen mitreden

Jansons und sein Ensemble denken an einen Saal mit 1600 bis 1800 Plätzen. Ein Raum, in dem man ohne große Terminabsprache proben könnte, der geeignet wäre für gewichtige Symphonik und für kleiner Dimensioniertes. Ein Saal mithin, in dem man zu Hause wäre und nicht bloß Gast wie in der Philharmonie. Zugleich wäre dies eine verführerische städteplanerische Aufgabe, Architekt Stephan Braunfels hat deshalb schon mal einen unverbindlichen Entwurf geliefert.

Ganz so einfach, wie sich der BR das vorstellt, ist die Sache nicht. Denn Staatsschauspiel und Staatsoper möchten bei der Marstall-Gestaltung mitreden. Um die Kollegen ins Boot zu holen, hat der BR schon bei Kent Nagano, dem künstlerischen Leiter der Oper angeklopft, dem nachgesagt wird, er wolle mit dem Staatsorchester über die Akademiekonzerte hinaus symphonisch tätig werden. Doch das Haus gibt sich widerständig.

"Ehe man beschließt, einen weiteren Konzertsaal zu bauen, muss erst einmal der Bedarf dafür festgestellt werden", sagt Ulrike Hessler vom Opern-Direktorium. "Die Staatsoper hat schon einen Konzertsaal, nämlich das Nationaltheater. Im übrigen planen wir, in der nächsten Zeit hier akustische Änderungen vorzunehmen." An einem Ideenwettbewerb wolle man sich gern beteiligen, dies aber nur in Abstimmung mit dem Staatsschauspiel.

Würde aus dem Marstall ein reiner Konzertsaal, wäre nämlich Dieter Dorn unmittelbar davon betroffen, sein Staatsschauspiel braucht ihn am meisten. "Es ist ja richtig, dass dieses Gebäude anders genutzt werden sollte", meint der Intendant. "Wir benötigen dann aber einen adäquaten Spielraum und Platz für die Werkstätten. Das könnte durchaus auch in einem Anbau hinter dem Marstall sein." Der Oper und dem Schauspiel schwebe für den Marstall "etwas im Stile eines europäischen Zentrums vor, wie es Pierre Boulez in Paris hat, etwas zwischen Labor und Aufführung, ein Ereignisraum". Das habe schon Hans Zehetmair ins Gespräch gebracht, als er noch Kunstminister war.

Das bedeutet aber: Sollte es zum Umbau des Marstalls kommen, wird dort wohl kein reiner BR-Saal entstehen. Völlig offen ist darüber hinaus die Finanzierung. Eine für solche Maßnahmen recht niedrige Zahl von 40 Millionen Euro geistert durch die Debatte, der BR wolle sich angeblich mit 20 Millionen beteiligen. Private Investoren müssten demnach angeworben werden, manch einer denkt schon an eine Aktion à la Comite Cuvilliés, die Geld für die Wiedereröffnung des Cuvilliéstheaters sammelt. Außerdem: Ein solches Projekt lässt sich in Zeiten öffentlicher Sparwut nur bedingt "verkaufen". Die Museumsszene zum Beispiel dürfte Benachteiligung wittern, Institutionen außerhalb der Landeshauptstadt sowieso, die weiteren Anlass für ihre Klagen über den Wasserkopf München erhielten.

Eine Wohltat wäre der vierte Saal zweifellos für die BR-Symphoniker, Münchens Konzertgefüge wird er aber durcheinander wirbeln. Der Herkulessaal, in geringerem Maße auch das Prinzregententheater müssten darunter leiden. Eine Katastrophe indes wäre das Projekt für die Philharmonie und damit für die Stadt München. Mit 2400 Plätzen ist der Saal für viele Konzerte zu gewaltig, Privatveranstaltern käme die Marstall-Größe deshalb gerade recht.

Gasteig-Chefin Brigitte von Welser wertete die Planung erwartungsgemäß als "Ungeheuerlichkeit". "Die Stadt hat damals mit dem Gasteig eine Riesenanstrengung unternommen, jetzt kann man uns doch nicht einfach ausbluten lassen." Die Zuschauerzahlen bei klassischen Konzerten seien rückläufig, mit einem vierten Saal sei München "überdimensioniert". Von Welser bezeichnete daher einen möglichen neuen Veranstaltungsort als "große De-luxe-Leistung der Staatsregierung und des Rundfunks".

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